KI-Revolution, Papst-Enzyklika, Robotik im OP, ImageNet vor Gericht, Maschinen-Knigge aus dem Hause Anthropic: Diese Ausgabe wirkt auf den ersten Blick wie ein überfüllter Bauchladen, in dem der Inhalt unrythmisch vor sich hin klappert. Bei genauerem Hinsehen geht es aber um eine einzige, ziemlich unbequeme Frage: Wissen wir eigentlich noch, wie Menschsein geht, wenn uns immer mehr Systeme das Denken und natürlich auch unsere Entscheidungen abnehmen wollen?
Papst Leo XIV. erinnert in Magnifica Humanitas daran, dass KI weit mehr ist als ein Wirtschaftsthema mit Datenschutzanhang. Sie rückt uns auf die Pelle. In Unternehmen, in der Bildung, in der Politik, in unserer Sprache, in unser Selbstbild. Und während wir noch darüber diskutieren, ob KI endlich den langweiligen Bürokram wegfräst, sollten wir vielleicht kurz prüfen, ob wir mit der frei werdenden Zeit überhaupt noch etwas anfangen können.
Zum Glück ist diese Ausgabe aber kein reiner Spaziergang durchs düstere Moor der Sorgen. Wir schauen auch auf KI und Robotik dort, wo sie tatsächlich Sinn ergeben: wenn gefährliche Arbeit sicherer wird, Menschen körperlich entlastet werden oder Hilfe dort schneller ankommt, wo sie dringend gebraucht wird. Genau dafür bräuchte es Technik mit Maß, menschliche Verantwortung und einen klaren Blick auf den Zweck und die Folgen. Also ziemlich genau das Gegenteil vom aktuell trendigen „Hauptsache KI draufkleben“.
Dazu gibt es Neues vom MI-Siegel für Projektmanager*innen, unsere Schulung zu KI und Content-Qualität, eine Fachtagung zu KI, Ethik und Demokratie, Kitsch-Kevin gegen Motivationsnebel und ein paar News, bei denen der Lack gleich wieder abblättert.
Diese Ausgabe fragt also, was menschliche Intelligenz wert ist, wenn künstliche Intelligenz überall mit am Tisch sitzt. Unsere Antwort kennst du: Verantwortung bleibt menschlich. Qualität auch. Und Haltung sowieso.
Wenn du genau das nach außen zeigen willst, hol dir das MI-Siegel. Für den kleinen, aber wichtigen Unterschied zwischen „das macht KI“ und „selbst gedacht“.
MEINUNG
KI-Revolution! Und jetzt?
Magnifica Humanitas: Papst Leo XIV. hat jüngst eine Enzyklika verfasst und sich darin zu KI und ihren Auswirkungen auf die Menschheit geäußert. Die Gedanken und Worte des Papstes werden seither in allen Medien rauf und runter kommentiert – die wichtigsten Thesen der Enzyklika kannst du hier lesen.
Wer darin lediglich einen kirchlichen Appell für den Sonntagsgottesdienst sieht, verkennt ihre Bedeutung. Mit Laudato Si’ hat Papst Franziskus 2015 wichtige Impulse für das Pariser Klimaabkommen gesetzt. Magnifica Humanitas könnte nun eine ähnliche Rolle bei der weltweiten Regulierung von künstlicher Intelligenz einnehmen – und richtet sich dabei ausdrücklich an „alle Menschen guten Willens“.
Leo hat exakt den überlasteten Nerv getroffen, den wir langsam aber sicher alle spüren: KI wirkt sich auf weitaus mehr aus als auf Wirtschaft und Datenschutz: Sie kriecht – mal mehr, mal weniger deutlich wahrzunehmen – in beinahe jeden Winkel unseres persönlichen und gesellschaftlichen Lebens hinein. Und wir, sprich die „großartige Menschheit“, müssen uns besinnen auf das, was uns ausmacht.
Seit Langem geht es bei KI in erster Linie um Wirtschaftliches: Wie verändert KI Unternehmen, Geschäftsmodelle, die Arbeitswelt? Wer verliert auf dem Jobmarkt, wer gewinnt? Kann KI ein Produktivitätsbooster sein? Und wie steht’s um die Rentabilität? Die erhitzte Debatte darüber wird durch immer neue Entwicklungen gefühlt im Minutentakt weiter befeuert – aber ist am Ende vielleicht alles nur heiße Luft?
Ein gefährlicher Nährboden
Es gibt eine wohlmeinende Erzählung, die die Horrorszenarien leichter verdaulich machen soll, und die geht so: Na gut, KI. Aber super ist doch: Sie nimmt uns dröge Routinen ab! Dann haben wir endlich mehr Zeit für den ganzen „Kreativkram“! Selbstentfaltung statt Befehlsausführung, schöne neue Welt. Endlich wieder Mensch sein!
Was aber ist, wenn unsere Kreativität, unsere Leidenschaft und unser Entfaltungswille längst erodiert sind durch einen exzessiven Gebrauch von „Reiz-Reaktions-Technik“, wie wir sie schon lange kennen? Durch Tools, die uns Entscheidungen abnehmen und uns das Selberdenken ersparen? Wissen wir denn noch, wie „Menschsein“ geht? Nachdenken, eigene Antworten finden, erkennen, was wir selbst wollen: All das mickert ja in unseren technik- und algorithmusgetriebenen Digitalgesellschaften nicht erst dahin, seit wir KI-Bots nutzen. Die Folgen sehen wir schon länger. Sie sind viele und durchaus bedrohlich.
Es ist also ein denkbar ungünstiger Boden, auf den die KI-Revolution fällt. „KI wird unsere Gesellschaft ins Chaos stürzen“ – so die (etwas alarmistisch formulierte) These von Andreas Pensold, der österreichische Mittelstandsfirmen zu KI-Themen berät. Menschen müssten wieder zu ihrer eigenen Autonomie zurückfinden. Mit solchen Menschen könnte die KI-Revolution dann auch was Gutes werden. Die vielbeschworenen Freiräume durch KI seien erst dann eine gute Nachricht, wenn wir wieder verstünden, wie wir unsere Freiräume sinnvoll nutzen können.
Wer suchet, der findet
Also müssen wir, anstatt bequem politischen oder algorithmischen Autoritäten hinterherzulaufen, das eigene Denkorgan aus dem Dauerurlaub holen. Doch wie legen wir die verschütteten Quellen unseres Menschseins wieder frei? Nicht erst seit der päpstlichen Lehrschrift ahnen wir, dass wir diese Aufgabe jetzt angehen müssen und sie gewaltiger ist, als uns lieb sein kann. Auch können wir uns nicht vorab in aller Gemütsruhe über die Landkarte beugen und den besten Weg durchs steinige Gelände suchen. Dazu ist die KI-Entwicklung aktuell noch viel zu rasant. Vielmehr müssen wir jetzt aufbrechen und unterwegs eruieren, welchen Wegweisern wir klugerweise folgen. Und wo wir besser nicht langgehen, wenn wir unbeschadet ans Ziel kommen möchten. Mit einem funktionierenden Autonomiekompass klappt das.
Auch wenn die Schublade, in der dieser Kompass liegt, vollgestopft mit Krempel ist: Er ist da. Gehen wir ihn suchen.
LESEN – HÖREN – SCHAUEN
KI und Robotik – die Zukunft ist schon da
Der Arbeitsmarkt verändert sich durch KI derzeit drastisch. Grob geschätzt sollen laut dem Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Deutschland in den nächsten 15 Jahren 800.000 Arbeitsplätze wegfallen und genauso viele neue entstehen. In vielen Branchen fehlen Fachkräfte, zum Beispiel operationstechnische Assistent*innen im OP-Saal. Oder beim Prüfen und Reparieren von Eisenbahngleisen, denn dieser Job ist hochgefährlich, und niemand will ihn mehr machen. Immer mehr OPs müssen abgesagt werden, weil Personal fehlt, und die Hälfte des deutschen Schienennetzes ist dringend sanierungsbedürftig. Warum also nicht Roboter, die OP-Besteck anreichen oder Gleise inspizieren und schweißen?
Die Einsatzgebiete digitaler Assistenz sind so vielfältig wie das menschliche Leben selbst: KI-gestützte Bildauswertung hilft Biolog*innen an der Ostsee, den Bestand der geschützten Kegelrobbe effizienter zu überwachen. Ein Exoroboter entlastet Chirurg*innen in Karlsruhe bei ihrer körperlich anstrengenden Arbeit. Ein Wingcopter bringt in Malawi Medikamente ratzfatz in unzugängliche Regionen. Und in einer großen Bibliothek in Helsinki wieseln Roboterwägelchen herum und sortieren Bücher wieder in Regale ein. Dröge Jobs abgeben, mehr Zeit fürs Wesentliche haben, die Gesundheit von Menschen unterstützen: Hier sind KI und Robotik wirklich angebracht. Ein O-Ton aus der Doku lautet: „Die letzte Verantwortung muss bei uns Menschen bleiben.“ Anschauen – und Hoffnung schöpfen!
Doku (ca. 43 Minuten): https://www.zdf.de/play/dokus/plan-b-104/plan-b-kuenstliche-intelligenz-roboter-job-100
IN EIGENER SACHE
Neues MI-Siegel für Projektmanager*innen
Projektmanagement ist mehr als Timelines streicheln und Termine durch den Kalender schubsen, so viel ist klar. Gerade wenn KI mitmischt, braucht es Menschen, die stets den Überblick behalten, alles sauber prüfen und am Ende natürlich auch die Verantwortung übernehmen. Ja, wirklich übernehmen. Nicht an ein Tool weiterreichen wie eine heiße Kartoffel.
Deshalb gibt es jetzt das MI-Siegel mit eigenem Kodex für Projektmanager*innen. Es macht klar: KI kann unterstützen, aber sie führt kein Projekt. Sie versteht die Kundschaft nicht und trägt auch keine Verantwortung für Menschen im Prozess. Das alles ist und bleibt menschliche Arbeit mit Qualitätsempfinden, Erfahrung und natürlich auch mit Haltung.
Hier geht’s zum Kodex für Projektmanagement: https://www.mi-siegel.de/kodex/kodex-projektmanagement/
Bestell dir gleich dein MI-Siegel!
MI-SIEGEL-SCHULUNG
Hol dir das MI-Siegel und erhalte die Schulung „KI & Content-Qualität“ dazu – kostenfrei!
Wie gelingt wirklich guter KI-gestützter Content? Nicht durch noch mehr Tools oder noch längere Prompts, soviel ist sicher. Sondern durch ausgereifte Arbeits- und Denkprozesse.
In unserer Schulung lernst du, wie du mit KI effizient und nachhaltig arbeitest, ohne auf Qualität zu verzichten. Perfekt für alle, die KI in Marketing und Kommunikation professionell und wirksam einsetzen wollen.
Dienstag, 14. Juli 2026, 9.00 bis 12.30 Uhr
Schulungspreis regulär: 500 € zzgl. MwSt. – als Träger*in des MI-Siegels (120 € zzgl. MwSt./Jahr) bekommst du kostenfrei Zugang zur Schulung.
Du möchtest teilnehmen und hast noch kein MI-Siegel? Hier kannst du dir gleich dein MI-Siegel holen.
Mehr Infos und Teilnehmer*innen-Bewertungen zur Schulung: https://www.mi-siegel.de/schulung-ki-qualitaet
EVENT
Zwischen Code und Konsens – virtuelle Fachtagung der Friedrich-Ebert-Stiftung
Komplexe Daten aufbereiten, Prozesse effizient gestalten, das kann KI schon sehr gut. Zu den dunklen Seiten gehören ihr hoher Ressourcenverbrauch, ihr Bias, Deepfakes und Halluzinationen. Große Fragezeichen gibt es beim Datenschutz und natürlich den Auswirkungen der KI auf die politische Bildung und unsere Demokratien.
Im Zentrum der Fachtagung steht der Zusammenhang von KI, Ethik und Demokratie. Die Beschäftigung damit ist dringlicher denn je. Anderthalb Tage lang kommen Fachleute aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, Demokratie-Engagierte und KI-Interessierte zusammen, um sich in verschiedenen Formaten zum Spannungsfeld KI auszutauschen. Und unser Verein ist mit Christa Goede am zweiten Tag im Vormittagsblock vertreten, yeah!
Sei dabei und diskutiere mit – online und kostenlos!
Die Tagung findet statt am:
Dienstag, 23. Juni 2026, 17.00 bis 20.00 Uhr
Mittwoch, 24. Juni 2026, 09.15 bis 16.00 Uhr
Anmeldung unter: https://www.fes.de/virtuelle-fachtagung-2026
KI-TIPP
Kitsch-Kevin gegen Motivationsnebel
KI kann erstaunlich gut Texte schreiben, die nach Bedeutungstrompete klingen. Alles ist dann „inspirierend“, „zukunftsweisend“ und „voller Potenzial“. Nur leider weiß nach dem Lesen niemand mehr, worum es eigentlich ging. Hauptsache, jeder Satz versinkt im Motivationsnebel. Kitsch-Kevin hilft dir beim Entnebeln:
- Kopiere deinen KI-Text in einen neuen Chat.
- Prompte: „Prüfe diesen Text auf Kitsch, Pathos und übertriebene Wichtigkeit. Markiere alle Stellen, die nach Motivationskalender, LinkedIn-Floskel oder künstlicher Überhöhung klingen. Erkläre kurz, warum sie nicht funktionieren, und schlage konkretere Alternativen vor.“
- Überarbeite das Ergebnis anschließend noch einmal mit eingeschaltetem Kitsch-Radar.
Merksatz: Wenn ein Text nach romantischem Sonnenuntergang über der Strategieabteilung klingt, hol dir Kitsch-Kevin dazu.
NEWS
ImageNet vor Gericht: Wenn der Trainingsacker plötzlich vermint ist
ImageNet galt lange als eine Art heiliger Trainingsacker der KI-Forschung: fast 14 Millionen Bilder, aus dem Netz gekratzt, fein sortiert und durch akademischen Kontext wissenschaftlich geadelt. Darauf wuchsen Computer-Vision-Modelle, Wettbewerbe, Paper, Karrieren und die große Erzählung davon, dass mehr Daten Maschinen klüger machen – und ein dickes Urheberrechtsproblem. Der Autobild-Anbieter EVOX Productions verklagt Stanford wegen der Rolle von Stanford-Forscher*innen bei der Zusammenstellung und Bereitstellung von ImageNet. Bilder seien ohne entsprechende Copyright-Lizenzen in den Datensatz gelangt und öffentlich zugänglich gemacht worden. Stanford wiederum beruft sich auf Fair Use, also genau auf jene juristische Zauberformel, die Forschung und Wissenschaft in den USA ausdrücklich mitdenkt. Damit wird es spannend, denn hier geht es um einen Grundpfeiler moderner KI-Bildverarbeitung. Hat EVOX mit der Klage Erfolg, könnte der schicke akademische Schutzmantel ziemlich dünn werden. Reicht der Begriff „Forschung“ wirklich als Zauberwort, wenn urheberrechtlich geschützte Bilder in großem Stil in Datensätzen landen?
Der Maschinen-Knigge aus dem Hause Anthropic
Anthropic hat Claude eine neue „Constitution“ verpasst: ein Grundsatzpapier, das festlegt, welche Werte und welches Verhalten das Modell prägen sollen. Diese Verfassung ist Teil des Trainingsprozesses und soll Claudes Antworten direkt beeinflussen. Klingt nach Transparenz, und ja, die ist wichtig. Doch wer entscheidet eigentlich, was Tugend, Weisheit und Fürsorge im Maschinenalltag bedeuten? Die Verfassung ist vor allem für Claude geschrieben, nicht für uns. Anthropic will dem Modell also so etwas wie Urteilsvermögen antrainieren. Doch sobald KI-Systeme „gutes Urteilen“ lernen sollen, geht es auch immer um Macht. Nicht um Prompts, sondern um den moralischen Kompass der Maschinen. Und der stammt von den CEOs von Anthropic. Zurückkommend auf Magnifica Humanitas von Papst Leo XIV. lautet die entscheidende Frage: Fördern wir Technologien, die Macht und Nutzen bei wenigen konzentrieren, oder gestalten wir sie so, dass sie möglichst vielen zugutekommen? Diese Frage geht über eine rhetorische Figur weit hinaus. Sie kommt einem politischen und wirtschaftlichen Kompass gleich, der Regulierung, Vergabepraxis und Investitionsstrategien prägen kann.
Wir haben ChatGPT dazu befragt. Und fanden die Antwort erhellend: https://chatgpt.com/share/6a1ea44f-3090-8333-a99f-8ae805c6fa0d
https://www.anthropic.com/constitution
EU-Datenschutz als Feature
Erst Aleph Alpha, jetzt auch Reliant AI: Binnen weniger Wochen hat Cohere, ein kanadischer Plattform-Anbieter für die Pharmaforschung, gleich zwei deutsche KI-Startups geschluckt. Der Power-Move der Kanadier Richtung Europa ist mehr als eine klassische Portfolio-Erweiterung, denn Cohere positioniert sich damit als Anbieter von „Sovereign AI“ – volle Kontrolle über Daten, Infrastruktur und Compliance. Was – klug erkannt – in EU-datengeschützten Clouds nun mal besser funktioniert als in denen der USA. Compliance als Wettbewerbsvorteil, nicht als lästiges Beiwerk ohne Wertschöpfungspotenzial: Wer hätte das 2018 gedacht, als wir alle noch über die DSGVO gestöhnt haben?
Bildungsinitiative von OpenAI: Ein Narr, der Böses dabei denkt
Der Deal: Mach ’nen Grundkurs an der Uni Malta zur Nutzung von KI und du bekommst ein Jahr lang einen kostenlosen ChatGPT-plus-Account! Genau das bietet die maltesische Regierung in Partnerschaft mit OpenAI nun den Bürger*innen Maltas an. Klingt super, aber: OpenAI …? Da läuten doch mindestens leise Alarmglöcklein. OK, es ist eine gute Idee, erst mal den Führerschein zu machen, bevor man auf die Autobahn fährt. Das finden wir beim MI-Siegel auch – siehe unsere eigene Schulung „KI und Content-Qualität“. Was wir uns jetzt wünschen: dass europäische KI-Anbieter ganz schnell nachmachen, was OpenAI vorgemacht hat.
https://www.golem.de/news/chatgpt-plus-malta-macht-ki-zum-volksgut-2605-208745.html
