Wenn KI eins zuverlässig kann, dann ist es dieses sehr moderne Kunststück: erst menschliche Arbeit aufsaugen, sie dann billiger machen und am Ende so tun, als sei alles ein Naturgesetz. In dieser Ausgabe geht es deshalb um Originale, Kopien und die mittlerweile ziemlich unbequeme Frage, wer eigentlich noch bezahlt wird, wenn Maschinen mit fremdem Können glänzen.
Wir schauen auf das MI-Siegel und auf verblüffende Zufälle im Label-Land. Auf Kreativität als menschliche Überlebenskunst, die gerade von Big Tech behandelt wird wie ein kostenloser Rohstoff im digitalen Tagebau. Auf Christa im ZDF, die erzählt, wie sich eine doppelte Enteignung anfühlt. Und auf eine Arbeitswelt, in der aus „Das Tool hilft dir“ ziemlich schnell „Das Tool ersetzt dich“ werden kann.
Gleichzeitig geht es um Stimmen, Gesichter, Plattformen und Macht. Taylor Swift versucht, ihre Stimme zu schützen. Deutschland träumt vom KI-Highway, aber Stromrechnungen, Sicherheitsfragen und gesellschaftliche Leitplanken amüsieren sich noch im Bällchenbad. W Social will eine europäische Alternative zum Social-Media-Slop bauen, während Millionen Nutzer*innen ChatGPT den Rücken kehren und zu Claude umziehen. Man könnte meinen, wir Menschen sortieren uns gerade neu. Manche aus Überzeugung, manche aus Wut, manche, weil ihnen das Maschinengedöns immer mehr auf die Nerven geht.
Der rote Faden dieser Ausgabe ist eher ein Abschleppseil: Menschliche Intelligenz ist kein Dekoelement für bessere Marketingtexte, sie ist Verantwortung, Urheberschaft, Zweifel, Beziehung und Haltung. Genau deshalb braucht sie Schutz. Und zwar nicht als nostalgische Geste für alle, die noch gern mit Füller schreiben. Sondern als Gegenwehr gegen eine Ökonomie, die gern alles kopiert und dabei „aus Versehen“ die Originale abschafft.
Zeig deine Haltung mit dem MI-Siegel.
IN EIGENER SACHE
Zufälle gibt’s. Manche haben sogar ein Label.
Manchmal ist das KI-Zeitalter wirklich ein Geschenk. Für die Menschheit eher durchwachsen, für unser Humorzentrum aber erstaunlich ergiebig. Da arbeiten wir seit 2023 daran, menschliche Intelligenz sichtbar zu machen, Verantwortung und Qualität gegen KI-Massenware zu verteidigen und faire Honorare nicht als Folklore abzutun. Und plötzlich haben andere eine verblüffend ähnliche Erleuchtung: ein Label für menschlich gemachte Arbeit. Gegen KI-Einheitsbrei, für Vertrauen, Urheberschaft und Wertschätzung. Wow, Zufälle gibt’s!
Wenn Inspiration sehr nah parkt
Natürlich ist eine Idee nicht urheberrechtlich in Bernstein mumifiziert. Aber wenn Website, Problem, Lösung, Nutzenversprechen und Ablauf auf uns so vertraut wirken, dass wir darüber nachdenken, ob Zufälle inzwischen ein eigenes Geschäftsmodell sind, dann dürfen wir schon mal die Augenbrauen heben. Ganz menschlich, versteht sich.
Besonders hübsch wird es, wenn ausgerechnet ein Label für menschliche Arbeit erstaunlich uninspiriert daherkommt. Wo Menschlichkeit verkauft werden soll wie „Bio“ auf einem Apfel im Supermarkt, lohnt sich ein Blick aufs Etikett: Was wird da denn versprochen? Ein Vertrauenszeichen? Ein Prüfzeichen? Ein Beweis menschlicher Urheberschaft? Oder einfach nur ein sehr selbstbewusstes Label samt frisch poliertem Startup-Glanz?
Original schlägt Aufkleber
Das MI-Siegel steht seit 2023 für menschliche Intelligenz, Verantwortung, Qualität und faire Bezahlung von menschlicher Arbeit im KI-Zeitalter. Es zeigt, dass wir Menschen bei kreativer, beratender und wissensbasierter Arbeit das letzte Wort haben. Verantwortung lässt sich schließlich nicht an ein KI-Modell abtreten, das weder haftet noch zweifelt.
Aber das MI-Siegel ist mehr als ein hübsches Emblem fürs digitale Revers. Dahinter steht eine Gemeinschaft von Menschen, die sich vernetzen, austauschen und ihr Wissen vermehren wollen – gerade in einer Zeit, in der alle so tun, als könne man Haltung einfach prompten. Der Jahresbeitrag trägt deshalb nicht nur ein Label, sondern auch die Infrastruktur dahinter, etwa Räume für Austausch, Wissensvermittlung, Verbindung und gegenseitige Stärkung. Also genau das, was KI-Massenware nicht kann: Gemeinschaft mit Verantwortung.
Dass unsere Idee nun Kreise zieht, nehmen wir sportlich, wenn auch – siehe oben – mit hochgezogenen Augenbrauen. Wer ein Zeichen sucht, das menschliche Arbeit sichtbar macht, darf gern vergleichen – nur bitte genau. „Menschlichkeit“ draufzupinnen, ist leicht. Sie transparent, verantwortungsvoll und gemeinsam mit allen Siegeltragenden mit Leben zu füllen, das ist die eigentliche Arbeit.
Wer das Original sucht, findet es beim MI-Siegel.
MEINUNG
Kreativität weg, Miteinander in Gefahr
Dass KI droht, die Jobs von Kreativen zu fressen, ist längst Realität (siehe dazu unsere TV-Tipps in dieser Ausgabe). Einst mit Herzblut und Hirnschmalz erlernte Berufe und erworbene Fähigkeiten verlieren, so scheint es, langsam ihren Sinn. Umsätze brechen weg, viele Kleinunternehmer*innen und Soloselbständige werden von den aktuellen Entwicklungen wie mit dem Panzer überfahren.
Klar, die Erde dreht sich weiter. Das einzig Beständige ist der Wandel. Und KI geht nicht mehr weg, kommt gefälligst mal damit klar. Es gibt doch auch keine Kesselflicker mehr. Oder Schriftsetzer, die Bleilettern zu Wörtern, Sätzen, Texten kombinieren. C’est la vie!
Unzählige Berufe sind schon auf Nimmerwiedersehen verschwunden, längst nicht nur „kreative“. Allerdings ist Kreativität kein Job Skill, den man sich aneignet wie das korrekte Verbuchen von Kontotransaktionen, wenn man Buchhalter ist. Oder das saubere Vernähen einer Wunde, wenn man Chirurgin ist. Kreativität ist schlicht ein universal menschlicher Wesenszug. Menschenhirne sind kreativ, Punkt. Mit allen guten und schlechten Konsequenzen, die das haben mag.
Top oder Flop? Wir haben wichtigere Fragen.
Leider auch eine Eigenschaft unseres Hirns: langfristige Entwicklungen nicht abschätzen können. So manches, was wir erst mal feiern, entpuppt sich Jahre oder Jahrzehnte später als Flop. Oder als Riesenbedrohung für alles und alle. Unoriginelles und – (sorry) – brandaktuelles Beispiel: die Förderung von Erdöl.
Und wie steht es mit der KI? Top oder Flop? Segen oder Fluch? Big Tech sagen natürlich Ersteres und rechtfertigen ihre Geldverbrennungsanlage mit Heilsversprechen auf eine helle, leichte Zukunft durch KI.
Daniel Mügge entfaltet in seinem LinkedIn-Beitrag vom 29. April eine ganz eigene Sicht auf das Thema, auf die Räume abseits der doch recht schwarz-weiß gestellten Frage „Top oder Flop“. Was ist Kreativität überhaupt? Welche Rolle hat der Kreativsektor für den gesellschaftlichen Zusammenhalt? (Spoiler: eine riesengroße.) Was steht auf dem Spiel, wenn digitale Souveränität von Big Tech nicht bald gelingt? Und wie kommt das alles mit der aktuell eher miesen Weltlage zusammen – Stichwort Geopolitik?
Kreativität geht alle an!
Mügge ist Professor an der Universität Amsterdam in der Fakultät Sozial- und Verhaltenswissenschaften und forscht dort zu den Auswirkungen von KI auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Er findet klare Worte: Tech-Realismus statt Tech-Optimismus. Nicht einfach mitschwimmen, sondern gegensteuern – so seine Ansage an die Politik, aber auch an jede*n Einzelne*n von uns. Sonst droht Europa dadurch nicht nur digitale, sondern auch kulturelle Souveränität zu verlieren. Der Professor warnt vor einer „entfesselten Disruption“ wie im Einzelhandel durch Amazon: Wenn kleine Verlage, Künstler, Medien oder Agenturen verschwinden, geht gesellschaftliche Vielfalt verloren. Deshalb fordert er politische Leitplanken für KI im Kreativbereich – ähnlich wie die Buchpreisbindung kulturelle Vielfalt schützt.
Kreativität ist nicht nur das, wofür Kreativprofis sich bezahlen lassen. Kreativität ist uns Menschen eingeschrieben, sie gehört zum menschlichen (Über)Lebensprogramm. Nutzen wir sie. Schließlich entsteht die Zukunft aus all dem, was wir uns heute einfallen lassen – oder halt nicht.
EVENT
Hol dir das MI-Siegel und erhalte die Schulung „KI & Content-Qualität“ dazu – kostenfrei!
Wie gelingt wirklich guter KI-gestützter Content? Nicht durch noch mehr Tools oder noch längere Prompts, soviel ist sicher. Sondern durch ausgereifte Arbeits- und Denkprozesse.
In unserer Schulung lernst du, wie du mit KI effizient und nachhaltig arbeitest, ohne auf Qualität zu verzichten. Perfekt für alle, die KI in Marketing und Kommunikation professionell und wirksam einsetzen wollen.
Donnerstag, 21. Mai 2026, 9-12.30 Uhr
Schulungspreis regulär: 500 € zzgl. MwSt. – als Träger*in des MI-Siegels (120 € zzgl. MwSt./Jahr) bekommst du kostenfrei Zugang zur Schulung.
Du möchtest teilnehmen und hast noch kein MI-Siegel? Hier kannst du dir das MI-Siegel holen.
Mehr Infos zur Schulung: https://www.mi-siegel.de/schulung-ki-qualitaet
LESEN – HÖREN – SCHAUEN
Frisst die KI unsere Jobs?
Texten, übersetzen, analysieren, zeichnen, rechnen, coden: Was bislang Menschen taten – für Geld –, reißt die KI jetzt an sich. Und zwar weil Menschen sie lassen – um genau jenes Geld zu sparen. Was noch vor lediglich zwei Jahren nur die besonders Weitblickenden befürchtet haben („KI wird Kreative ihre Jobs kosten“), prasselt inzwischen mit voller Wucht auf uns hernieder. So schnell, dass uns schwindelig wird. Die Welt der Wissensarbeit steht Kopf. Wohin führt uns die KI-Revolution? In den USA herrscht Goldgräberstimmung; was aber macht das mit uns in Europa? Ist KI Kollegin oder Konkurrentin? Wer bleibt und wer muss gehen? ZDF-Wirtschaftsexperte Florian Neuhann nimmt uns in einer spannenden Doku mit auf seine Reise. Und fragt sich, ob auch sein Job bald von der KI erledigt wird.
Zur Doku: https://www.zdf.de/video/reportagen/am-puls-100/am-puls-florian-neuhann-ki-arbeitswelt-jobs-100
KI im Job: Danke für die Texte, wir machen jetzt ohne dich weiter
In der ZDF-Sendung „Am Puls“ schildert MI-Vorständin Christa Goede live, was viele Kreative gerade erleben: Erst werden ihre Texte von Big Tech als Trainingsfutter genutzt, dann erklären ehemalige Kund*innen, sie hätten jetzt eine eigene KI-Lösung – trainiert mit genau diesen Texten – und bräuchten die Texterin „leider“ nicht mehr. Christas Satz dazu sitzt: Sie sei in den letzten drei Jahren zweimal enteignet worden. Einmal durch die Konzerne, einmal durch die Kundschaft.
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas fand im ZDF dazu immerhin klare Worte: Kreative müssten für die Nutzung ihrer Arbeit bezahlt werden, es brauche Transparenz und Regeln beim Urheberrecht. Klingt eigentlich vernünftig. Die Frage ist nur, ob die Tech-Bros vor lauter Lachen überhaupt noch zuhören können.
Zum Stream: https://www.zdfheute.de/digitales/ki-beruf-arbeitsplatz-job-verlust-am-puls-100.html
NEWS
Schütz deine Stimme
Das klassische Urheberrecht soll die geistige Leistung von Künstler*innen schützen, doch reicht das heute noch aus? KI weidet schließlich jeglichen digitalen Content aus, auf den sie Zugriff hat. Deepfakes gehören zum Fiesesten, wofür man KI missbrauchen kann. Sie sind Doppelbeschiss: an den gefakten Personen und denen, die auf die Fakes reinfallen sollen. Erschütternde Beispiele gab es in jüngster Vergangenheit genug. Werden Stimmen imitiert, wird die Enttarnung der Fakes noch schwieriger. Taylor Swift hat aus Sorge vor solchen Deepfakes jetzt Markenschutz auf ihr Aussehen und ihre Stimme beantragt.
Ab auf den deutschen KI-Highway
Die Experten-Kommission „Wettbewerb und Künstliche Intelligenz“ des Bundeswirtschaftsministeriums hat ihren Abschlussbericht vorgestellt. Der soll der Regierung den Weg weisen zu einer entschlossenen KI-Politik. Weitreichende Pläne und eine Botschaft: „Klotzen, nicht kleckern.“ Ein Teil der Rüstungsausgaben und des Sondervermögens für die Bundeswehr möge in KI-Investitionen fließen, hinzu kommt ein 300 Milliarden schwerer Investitionsfonds. Weniger Regulierung plus schärfere Rechtsdurchsetzung – vielleicht kriegt der Staat es ja übereinander. Hört sich alles an, als müsste Herkules ran. Doch wie garantieren wir die Sicherheit von KI-Agenten? Wie erzeugen wir nachhaltigen Strom für die neue, überaus gefräßige Infrastruktur? Dazu gibt es weiterhin keine Antworten.
Tschüss X, ich geh jetzt zu W!
Facebook, X und Insta versinken im AI-Slop, „sozial“ ist da schon lange kaum noch was. Jetzt gibt es eine Alternative – aus Europa! W Social wird finanziert von europäischen Unternehmen und Investor*innen, ist werbemüllfrei und basiert auf dem frei zugänglichen, dezentralen AT-Protokoll. User*innen können im Netzwerk ohne Klarnamen agieren, müssen sich aber vorab mit Ausweis verifizieren. (Hey Bots, ihr müsst leider draußen bleiben!) Die Wartelisten sind schon lang: Aus über 180 Ländern gibt es Anfragen, bei der ersten Testphase ab Mai dabei zu sein.
Gründerin Anna Zeiter im Interview (13 Minuten): https://www.deutschlandfunk.de/europaeische-antwort-auf-x-soll-starten-interview-mit-gruenderin-anna-zeiter-100.html
Tschüss ChatGPT, ich geh jetzt zu Claude!
Der Rauswurf von Anthropic aus dem Pentagon Ende Februar und die völlig selbstlose Beflissenheit von OpenAI-Tech-Bro Sam Altman, dem selbst ernannten „US-Kriegsminister“ Hegseth zu Hilfe zu eilen, ist uns allen noch in guter Erinnerung. Geführt hatte dies zu einem der größten Nutzerproteste der KI-Branche: #QuitGPT. Schon Mitte März waren 2,5 Millionen User*innen auf der Boykott-Site Quitgpt.org registriert. Inzwischen sind es über 4 Millionen. Der Umzug des eigenen ChatGPT-Kontextes zu Claude ist offenbar gar nicht mal schwer.
https://www1.wdr.de/nachrichten/open-ai-chatgpt-quitgpt-proteste-wechsel-claude-100.html
