Von Siegeln, Schieflagen und Spitzelbrillen

Diese Ausgabe beginnt mit einer kleinen Sensation aus der Welt der Formulare und Stempel: Das MI-Siegel ist wieder da, yeah! Der Verein „MI Menschliche Intelligenz e.V.“ ist eingetragen, das Finanzamt hat uns endlich mit den nötigen Nummern versorgt, und wir können aufhören, dich mit „demnächst“ zu nerven. Wurde aber auch Zeit! Ab jetzt kannst du das MI-Siegel wieder bestellen und damit zeigen, dass am Ende nicht irgendein Tool die Verantwortung trägt, sondern du.

Außerdem geht es diesmal um eine ziemlich hässliche Wahrheit der KI-Welt: Frauen sind dort noch immer deutlich unterrepräsentiert. Und diese Lücke wird nicht kleiner, nur weil alle dauernd „Innovation“ sagen.

Dazu gibt es einen Prompt-Tipp gegen heimliches Framing, eine Doku über Big Tech als Machtmaschine und News aus der Kategorie „Die Zukunft ist da, und sie benimmt sich leider exakt so bekloppt, wie jede*r mit etwas Voraussicht befürchten musste“.

Zeig deine Haltung nach außen mit dem Siegel für menschliche Intelligenz.


Die Ämter haben fertig. Das MI-Siegel ist wieder da.

Lange mussten wir euch vertrösten. Demnächst, demnächst, demnächst – dieser Satz ist uns selbst schon gehörig auf die Nerven gegangen. Aber wer einen Verein gründet, lernt zwangsläufig, dass zwischen Antrag und Eintragung eine Zeitspanne liegt, in der uns klar wurde, wie sich Menschen wohl in Brieftauben- und Postkutschenzeiten gefühlt haben. Jetzt ist es soweit: Der Verein MI Menschliche Intelligenz e. V. ist eingetragen, wir haben alle Nümmerkes fürs Finanzamt – und das MI-Siegel ist wieder da.

Das MI-Siegel kostet 120 Euro netto pro Jahr und ist aktuell für zwölf Berufsfelder zu haben: Content-Strategie, Design, Dolmetschen, Fotografie, IT-Entwicklung, Lektorat, Marketing, Ökotrophologie, Projektmanagement, SEO, Text und Übersetzung. Wer mehrere Funktionen erfüllt, darf auch mehrere Siegel nutzen – bezahlt aber nur eine Lizenz. Deine Branche ist nicht dabei? Schreib an info@mi-siegel.de, wir kümmern uns drum.

Was gehört zum MI-Siegel alles dazu?

Das MI-Siegel ist ein sichtbares Zeichen für deinen Qualitätsanspruch. Dazu gehören:

  • ein branchenspezifischer Kodex, dem du mit der Bestellung zustimmst,
  • der kostenlose Zugang zur Schulung „KI & Content-Qualität“ (regulär 500 € – nächster Termin: Donnerstag, 21. Mai 2026 von 9 bis 12.30 Uhr),
  • die Listung auf der MI-Website mit Link zu deiner eigenen Internet-Präsenz und
  • der Zugang zur MI-Community mit Jobbörse und Workshop-Rabatten.

Das MI-Siegel signalisiert übrigens nicht: „Ich arbeite ohne KI.“ Es zeigt: „Ich habe das letzte Wort über das, was in meinem Namen an die Kundschaft rausgeht.“ Dabei ist es ganz egal, ob du KI nutzt oder nicht.

Bist du dabei?

Jetzt MI-Siegel bestellen


EVENT

Hol dir das MI-Siegel und erhalte die Schulung „KI & Content-Qualität“ dazu – kostenfrei!

Wie gelingt wirklich guter KI-gestützter Content? Nicht durch noch mehr Tools oder noch längere Prompts, soviel ist sicher. Sondern durch ausgereifte Arbeits- und Denkprozesse.

In unserer Schulung lernst du, wie du mit KI effizient und nachhaltig arbeitest, ohne auf Qualität zu verzichten. Perfekt für alle, die KI in Marketing und Kommunikation professionell und wirksam einsetzen wollen.

Donnerstag, 12. Mai 2026, 9-12.30 Uhr

Schulungspreis regulär: 500 € zzgl. MwSt. – als Träger*in des MI-Siegels (120 € zzgl. MwSt./Jahr) bekommst du kostenfrei Zugang zur Schulung.

Du möchtest teilnehmen und hast noch kein MI-Siegel? Hier kannst du dir das MI-Siegel holen.

Mehr Infos zur Schulung: https://www.mi-siegel.de/schulung-ki-qualitaet

„Grundsätzlich ist Eure Schulung jedem zu empfehlen, der sich mit KI beschäftigt. Ich glaube, selbst wenn man schon relativ viel weiß, liefert Ihr interessante neue Punkte, auf die man noch nicht geschaut hat. Umso wichtiger, dass Ihr up-to-date seid, aber das ist ja ohnehin Euer erklärtes Ziel. Somit wird diese Schulung immer wieder ein Gewinn sein.“

Carsten Krüger, Corporate Content Services


FAKTEN

KI für alle. Außer für Frauen.

Es gibt Lücken, die schrumpfen unter Beobachtung. Die Gender-Lücke in der KI gehört nicht dazu. Sie ist so hartnäckig wie die Buzzwords auf vielen Unternehmenswebsites.

Achtzehn Prozent seit gefühlt immer

Frauen stellen weltweit rund 22 % der KI-Fachkräfte. In Senior-Executive-Rollen im KI-Sektor fällt dieser Anteil auf unter 14 %. In Deutschland liegt er bei IT-Fachkräften bei 18 %, in der technischen Forschung ebenfalls bei 18 %. Bei der Informatik-Ausbildung bewegen sich die Zahlen seit 20 Jahren nicht wesentlich: So stieg laut der nordamerikanischen Taulbee-Zeitreihe der Frauenanteil bei CS-Bachelorabschlüssen in Kanada und den USA von 18,8 % (2001/02) nur auf 22,2 % (2021/22) bzw. 22,8 % (2023/24). Gleichzeitig meinen laut Bitkom-Befragung 39 % der deutschen Unternehmen nach wie vor, Männer seien für IT- und Digitalberufe grundsätzlich besser geeignet. Achtung, das ist eine Umfrage aus dem Jahr 2025, nicht etwa 1987.

Die Lücke, die kaum jemand sieht

Soweit die bekannte Klage. Doch was wirklich aufhorchen lässt, ist eine andere Zahl, die wir bislang kaum diskutieren. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat sich schon 2024 die Frage gestellt, wer KI im Job überhaupt nutzt – und dabei sorgfältig nach Alter, Bildung, Branche und Beruf bereinigt. Das Ergebnis: 42 % der Frauen geben an, am Arbeitsplatz keine KI zu nutzen. Bei Männern sind es 30,7 %. Und bei der Frage, ob die eigene KI-Nutzung in der letzten Zeit zugenommen hat, sagen das nur 24 % der Frauen – gegenüber 37 % der Männer.

Das ist eine Akzeptanzlücke, und sie funktioniert wie ein Schaufelbagger: Wer KI im Alltag seltener anfasst, sammelt weniger Erfahrung, liefert weniger Produktivitätssignale, wird seltener befördert. Diese Lücke hat sich schon in Erfahrungskurven und Performance-Reviews eingebrannt, bevor sie als Schere bei Titeln und Gehältern sichtbar wird.

Wer haftet? Niemand, wie immer.

Das Tückische daran ist die Richtung des Mechanismus. Denn die KI-Systeme, die Frauen seltener nutzen, wurden zu einem guten Teil auch ohne ausreichend weibliche Perspektive gebaut – und sie diskriminieren entsprechend. Audits von Gesichtserkennungssystemen zeigen Fehlerraten von über einem Drittel für dunkelhäutige Frauen, während hellhäutige Männer nahe null landen. Resume-Screening per Sprachmodell bevorzugt weiß kodierte Namen in mehr als 85 % der Fälle, weiblich kodierte nur in 11 %.

Hier schließt sich der fiese Kreis: Frauen sind in KI-Teams unterrepräsentiert, also werden KI-Systeme mit blinden Flecken gebaut. Diese Systeme benachteiligen Frauen bei Einstellungen und Sichtbarkeit, wodurch weniger Frauen in KI-Jobs landen und weniger Frauen KI im Job nutzen, was ihre Karrierechancen schmälert. Großer Mist.

Es ist eine Frage der Macht!

Wer jetzt sagt, das Problem sei bekannt und wir arbeiteten daran, möge bitte erklären, warum laut Bitkom 39 % der Unternehmen nach Jahrzehnten Gleichstellungsdebatte noch immer denken, Männer seien für IT besser geeignet. Warum der Frauenanteil in deutschen IT-Berufen seit Jahren auf 18 % verharrt. Und warum Tech-Konzerne ihre Diversity-Transparenz ausgerechnet jetzt, in einer Phase rasanter KI-Expansion, beschneiden.

Die eigentliche Frage, die wir dringend beantworten müssen, ist eine knallharte Machtfrage: Wer entscheidet, welche Probleme KI lösen soll? Wessen Lebensrealität fließt in die Trainingsdaten ein? Wer haftet, wenn ein Modell Bewerbungen von Frauen systematisch schlechter bewertet und niemand genau hingesehen hat?

Solange diese Fragen keine regulatorischen Zähne und Klauen bekommen, bleibt die Gender-Lücke in KI das, was sie jetzt schon ist: ein gut dokumentiertes, politisch toleriertes Dauerproblem mit Folgen für Generationen.

Das KI-Bildungsniveau wird sich über die Jahre langsam verbessern, bei Männern wie Frauen, klar. Doch die Akzeptanzlücke von heute lässt sich nicht auf morgen verschieben. Frauen, die sich jetzt für oder gegen Bildung in Sachen KI entscheiden, entscheiden damit auch über den eigenen Karriereverlauf.

Ran an die KI – aber mit Haltung

Ergo: Wer KI kritisch versteht, wer ihre Schwächen kennt und ihre Muster benennen kann, hat mehr Macht über sie als jemand, der sie begeistert, aber unkritisch benutzt. Oder die Nutzung komplett verweigert. Kompetenz schützt vor Unterwerfung.

Das bedeutet nicht, das wir jedes Tool feiern sollten. Oder so tun sollten, als wäre KI neutral. Es bedeutet, dass Frauen selbstbewusst Platz nehmen an dem Tisch, an dem gerade entschieden wird, wie diese Technologie gebaut, eingesetzt und bewertet wird. Denn wer dort fehlt, wird vertreten – von anderen, mit anderen Interessen.

Unser Plädoyer: Fang klein an. Ein Werkzeug, ein kleiner Anwendungsfall und der kritische Blick auf das, was dir ein Modell ausspuckt. Und dann überlege, was du verbessern kannst. So verstehst du nach und nach, womit du es zu tun hast. Learning by doing!

KI wird sehr viele Berufe verändern, das steht fest. Und Frauen arbeiten überdurchschnittlich häufig in Jobs, die durch GenAI disruptiert werden.

Deshalb: Schau nicht nur zu, sondern gestalte mit!


KI-TIPP

Framing-Friederike liest, was du eigentlich nicht tippen willst

Bevor KI antwortet, liest sie deinen Prompt. Und was sie verarbeitet, formt, was sie berechnet – viel stärker, als die meisten ahnen. Wer fragt „Wie setze ich KI effizient ein?“, bekommt Effizienz-Antworten. Wer tippt „Was verlieren wir, wenn wir KI einsetzen?“, bekommt Verlust-Antworten. Beide Male nutzen wir dieselbe Technologie, aber aus einer komplett anderen Perspektive. Das Modell hinterfragt unser Framing nicht, es bedient es. Doch Friederike macht Schluss damit.

So rufst du Friederike:

  • Gib ihr deinen Prompt und frag: „Welche Annahmen stecken in dieser Frage? Was setze ich voraus, ohne es zu tippen?“
  • Lass sie den Rahmen benennen: „Aus welcher Perspektive ist diese Frage gestellt – wirtschaftlich, technisch, sozial?“ Dann frag, welche Perspektive fehlt.
  • Bitte sie um eine Umformulierung: „Wie würde dieselbe Frage klingen, wenn sie von jemandem getippt wird, der skeptisch gegenüber KI ist?“ Der Vergleich ist aufschlussreich.
  • Frag nach dem Gegenteil: „Was wäre die entgegengesetzte These zu dem, was meine Frage impliziert?“ Manchmal steckt genau dort die interessantere Antwort.

Merksatz: KI beantwortet deine Frage, Framing-Friederike stellt alles auf den Kopf.


LESEN – HÖREN – SCHAUEN

Bequemlichkeit war nur der Köder

Die ZDFinfo-Doku Die gefährlichsten Firmen der Welt – Big Tech zeigt keine harmlosen Digitalriesen mit leichtem Hang zur Marktmacht, sondern ein System, das aus Daten, psychologischen Tricks und algorithmischer Steuerung ein gigantisches Geschäftsmodell gebaut hat. Im Fokus stehen Konzerne wie Google, Facebook/Meta, Amazon und Co., deren Plattformen längst neben unserem Konsum auch Öffentlichkeit, politische Meinungsbildung und gesellschaftliche Strukturen prägen. Wer da noch von ein bisschen Innovation und Nutzerkomfort faselt, hat sehr großzügige Maßstäbe. Oder hat schlicht akzeptiert, dass ein paar Konzerne inzwischen mehr über uns wissen als jede Behörde und dieses Wissen auch noch profitabel ausschlachten.

https://www.zdf.de/dokus/zdfinfo-die-gefaehrlichsten-firmen-der-welt-big-tech-100


NEWS

KI ersetzt nicht alles – aber sie sortiert die Routinen gnadenlos aus

Generative KI räumt auf dem Arbeitsmarkt nicht einfach pauschal alles ab. Sie verschiebt vor allem, welche Art von Arbeit gefragt ist. Eine Analyse der Harvard Business School zeigt: Seit dem Start von ChatGPT ist die Nachfrage nach Berufen mit vielen strukturierten, repetitiven Aufgaben um 13 Prozent gesunken. Gleichzeitig legte die Nachfrage nach Tätigkeiten zu, die eher analytische, technische oder kreative Fähigkeiten verlangen – und zwar um 20 Prozent. Untersucht wurden US-Stellenanzeigen von 2019 bis März 2025. Die Botschaft ist ziemlich eindeutig: Dort, wo Arbeit vor allem aus Schema F besteht, wird es eng. Doch dort, wo Urteilskraft, Fachwissen und menschliche Entscheidungen nötig sind, lässt sich Arbeit eben nicht sauber an Maschinen delegieren. Hoffentlich lesen das bestimmte Unternehmen auch …

https://www.library.hbs.edu/working-knowledge/enhance-or-eliminate-how-ai-will-likely-change-these-jobs

Meta will eine Brille zum Spitzel machen

Meta plant, seine Ray-Ban- und Oakley-Brillen mit Gesichtserkennung auszurüsten. Wer die Brille aufsetzt, soll Fremde damit identifizieren können: Name, Social-Media-Profil, alles auf einen Blick – wie praktisch, wie genial! Natürlich ohne dass die betroffene Person es merkt. Intern heißt das Feature „Name Tag“. Mehr als 75 Organisationen – darunter die ACLU (American Civil Liberties Union) – haben Zuckerberg einen offenen Brief geschickt und verlangen einen sofortigen Stopp dieses Projekts. Besonders pikant: Ein internes Meta-Memo empfahl, den Launch bewusst in politisch unruhigen Zeiten zu platzieren, weil Bürgerrechtsgruppen dann anderweitig beschäftigt seien. Die Koalition nennt das schlicht schamlos. Dass Border-Patrol-Agent*innen die Brillen bereits im Feldeinsatz tragen, passt ins Bild. Megadoppelpfui.

https://www.wired.com/story/meta-ray-ban-oakley-smart-glasses-no-face-recognition-civil-society

Google schaut jetzt fürsorglich in deine Fotoalben

Google Photos hat ein Update bekommen, das deine gesamte Fotosammlung scannt – Urlaubsfotos, Familienbilder, eben einfach alles! – damit Gemini echte Bilder von dir und deinen Liebsten für die KI-Bildgenerierung verwenden kann. Klingt nach einem herzlichen Angebot. Doch wer Zehntausende Fotos gespeichert hat, soll sich nun bitte einfach mal vorstellen, wie die KI in einem sehr persönlichen Fotoalbum herumschnüffelt. Das Ganze ist opt-in, schreibt Google. Doch selbst wenn: Es dürfte genügend Nutzer*innen geben, die dem aktiv, aber völlig unkritisch zustimmen, weil sie die Sache nicht überschauen. Google ließ immerhin wissen, dass sie verstehen, wenn das alles etwas überwältigend wirke. Schönen Dank auch für das (geheuchelte) Verständnis.

https://www.forbes.com/sites/zakdoffman/2026/04/20/google-starts-scanning-all-your-photos-as-new-update-goes-live