Wir Menschen sind bequeme Wesen. Unser Gehirn liebt Abkürzungen, weil Denken anstrengend ist. Dumm nur, dass ausgerechnet diese Sparsamkeit gerade auf eine Technik trifft, die uns zuflüstert: „Komm, gib mir den schweren Teil. Ich formuliere das schon. Ich entscheide das fix. Ich rechne das schön für dich.“
In dieser Ausgabe geht es deshalb um die große Verlockung des kognitiven Outsourcings. Um Politiker*innen und Medienmenschen, die KI-Texte raushauen und dabei so tun, als sei Nachdenken nur noch ein etwas langsamerer Produktionsfehler. Um Reden, Gastbeiträge und sogar Leitartikel, die in einer Sekunde aus der Maschine fallen und dann Haltung simulieren wie ein Pappaufsteller vorm Bundeskanzleramt. Praktisch? Sicher. Vertrauensbildend? Eher so määä.
Auch der Amtsschimmel bekommt ein KI-Update. Bayern möchte KI künftig sogar dort einsetzen, wo menschliches Ermessen gefragt ist. Ermessen heißt: Einzelfall anschauen, abwägen, begründen und dann für die Entscheidung Verantwortung übernehmen. Doch wenn am Ende niemand mehr sauber erklären kann, wie ein Bescheid entstanden ist, hilft auch kein digitales Lametta auf dem Formular.
Währenddessen schieben die großen KI-Konzerne Milliarden in Rechenzentren und warten darauf, dass aus der blinkenden Infrastruktur irgendwann ein Geschäftsmodell hüpft. Strom, Wasser, Hardware, Kapital – der Fortschritt hat einen Preis. Einen so hohen, dass wir über diese Investition intensiv nachdenken sollten. Abseits des Hypes.
Es gibt in dieser Ausgabe aber auch bodenständige Gegenbeispiele: Das Civic Data Lab zeigt, wie Datenarbeit gemeinwohlorientiert und nützlich aussehen kann. Zielgruppen-Zora erinnert daran, dass gute KI-Nutzung nicht mit „für alle“ beginnt, sondern mit echter Klarheit darüber, für wen ein Text überhaupt gedacht ist. Und unsere MI-Siegel-Schulung setzt genau dort an: bei Qualität und Verantwortung. An dieser Stelle findest du deshalb auch kein Raketenemoji.
Zeig deine Haltung nach außen – mit dem MI-Siegel.
Die unerträgliche Leichtigkeit des Scheins
Lebewesen sind von Natur aus Energieoptimierer. Welche Biene fliegt drei Kilometer weit, wenn in 100 Metern schon die ersten Blümchen locken? Gibt’s in 100 Metern aber keine Blümchen, kann die Biene durchaus weit fliegen. Nicht weil sie das mag, sondern weil sie muss. Ihre Natur will es so.
Mit Menschen ist es nicht groß anders, nur können wir im Unterschied zur Biene aktiv danach streben, es immer noch ein Stückchen bequemer zu haben. Es-sich-bequemer-Machen treibt unsere Spezies an, seit sie kapiert hat, dass sie genau das kann. Zilliarden Iterationszyklen über viele Jahrhunderttausende hinweg, und zack wird aus der Welt eines steinzeitlichen Höhlenbewohners die einer Programmiererin im Büroturm einer Megacity des 21. Jahrhunderts.
Ja, unser Denkorgan ist fantastisch, aber auch immens energiehungrig. Energie gibt’s aber nicht immer und an jeder Ecke, darum wird damit möglichst sparsam umgegangen. Das Gehirn liebt Shortcuts, es ist ein „kognitiver Geizkragen“, wie Christian Stöcker, Kognitionspsychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, hier ausführt. Denken kostet Energie, Denken ist anstrengend. Und mit der KI ist die Verlockung riesengroß, „kognitives Outsourcing“ zu betreiben. Was so lustig-spöttisch klingt, ist inzwischen ein wissenschaftlicher Fachbegriff.
Denkst du noch oder promptest du schon?
Das Anlegen von Shortcuts geht leider nicht immer gut aus. Im LLM-Zeitalter war es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Denkfaulen mit ordentlicher Reichweite in den Fettnapf steigen. Diesen Juni haben es gleich mehrere Leute mit ihren KI-Heldentaten in die Schlagzeilen geschafft: Mario Voigt zum Beispiel. Der Thüringer Ministerpräsident hatte mutmaßlich mehrere Texte mithilfe künstlicher Intelligenz verfasst, unter anderem eine Rede über den Holocaust und seine Opfer. Darin fand sich der Satz: „Es war das Ergebnis eines Denkens, das die Menschlichkeit Stück für Stück aufgab – in Worten, in Entscheidungen, in Gleichgültigkeit.“ In Ewigkeit, Amen! Auch Voigts Parteikollege Karsten Wildberger, seines Zeichens unser Digitalminister, hat bei Artikeln für die FAZ und das Handelsblatt lieber die KI gepromptet, statt selbst zu denken. Schluss mit der deutschen roten Digitallaterne, ich geh jetzt mit gutem Beispiel voran! Genau.
Den Sirenengesängen des eigenen kognitiven Geizkragens erlagen auch zwei Journalisten: Ex-Tagesspiegel-Chef Stephan Andreas Casdorff und Springer-Chef Mathias Döpfner. Casdorff wurde gleich geschasst, nachdem er aufgeflogen war, Döpfner wiederum macht nicht mal ein Hehl daraus, dass sein (?) Text von KI stammt: „Dieser Text wurde zu hundert Prozent mit KI, genauer von Gemini (Google) generiert. Die Erzeugung dauerte ungefähr eine Sekunde.“ Nur eine Sekunde, boah, sooo geil! Döpfner sah das wohl als kritischen Debattenbeitrag zur Depublizierung von Voigts Artikel durch die FAZ mit ihren Oldschool-Leitlinien, keine KI-generierten Texte zu veröffentlichen. In Döpfners Augen „der verzweifelte Versuch der Postkutschen-Lobby, das Automobil zu verbieten.“ Nur dass weder Postkutschen noch Autos scheinbar menschlichen Output erzeugen – KI hingegen schon.
Ready for take-off zum geistigen Tiefflug!
Journalist*innen, Politiker*innen: Sollten die sich nicht eigentlich kluge Gedanken machen und nicht nur so tun, als ob? Worum geht’s hier? Gut auszusehen, sich Beifall zu sichern? Für nicht erbrachte Leistung? Wie sollen wir uns als Leser*innen eine Meinung bilden, wenn jetzt KI-Tools „Journalismus“ machen? Wie zu Politiker*innen Vertrauen fassen, die ihrem Hirn genau da eine Kaffeepause gönnen, wo sie es eigentlich bräuchten?
Wenn immer mehr Menschen nicht mehr selbst denken wollen, weil ihnen das zu mühselig ist, wohin soll das führen für unsere Gesellschaft und Zukunft? Use it or lose it. Ernähre deinen kognitiven Geizkragen regelmäßig und ausgewogen. Selbstdenken strengt an, ist aber genau darum befriedigend. Und die Füße hochlegen fühlt sich nach einem Gedankenmarathon auch besser an, als die KI, klick-klick-klick, „in nur einer Sekunde“ etwas ausspucken zu lassen. So wie nach dem Schreiben dieses Beitrags. Der ist eher in Stunden als in Sekunden entstanden – und 100 % MI-made!
KI-TIPP
Zielgruppen-Zora schmeißt „für alle“ raus
KI schreibt gern für alle. Das Ergebnis sind Texte, die niemanden stören – und niemanden interessieren. Freundlich, wichtig klingend, Mehrwert ist drin, Innovation auch, plus Raketen-Emoji. Fertig ist die textliche Mehrzweckhalle.
Beschreibe deshalb zuerst deine Zielgruppe. Nicht: „Menschen zwischen 20 und 60.“ Das ist ungefähr so hilfreich wie „alle, die atmen“. Beschreibe stattdessen: Was wissen diese Menschen bereits? Was beschäftigt sie? Welche Wörter verwenden sie selbst? Dann gibst du der KI die Zielgruppenbeschreibung zusammen mit deinem Text und promptest:
„Lies den Text aus Sicht der beschriebenen Zielgruppe. Was ist für sie relevant? Was bleibt zu allgemein? An welchen Stellen könnten Leser*innen das Interesse verlieren? Begründe deine Einschätzung am konkreten Text. Nutze nur die Angaben aus meiner Zielgruppenbeschreibung und kennzeichne Vermutungen.“
Achtung: Zora kennt deine Zielgruppe nur aus deinem Briefing. Je genauer deine Angaben, desto brauchbarer ihre Kritik.
Merksatz: Wer für alle schreibt, landet beim sprachlichen Beige.
MI-SIEGEL-SCHULUNG
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Wie gelingt wirklich guter KI-gestützter Content? Nicht durch noch mehr Tools oder noch längere Prompts, soviel ist sicher. Sondern durch ausgereifte Arbeits- und Denkprozesse.
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„Die Schulung kann ich wärmstens empfehlen. Sie gibt einen aktuellen Überblick zum Thema KI, der technische Grundlagen ebenso einschließt wie praktische Tipps der Expert*innen. Atmosphäre entspannt, Informationsgrad hoch – für mich die ideale Mischung, um konkrete Impulse für meinen eigenen Umgang mit künstlicher Intelligenz mitzunehmen. Herzlichen Dank euch, wir sehen uns bestimmt wieder!“
– Julia Gilcher, wordsinflow –
NEWS
Der Amtsschimmel bekommt ein KI-Update
Bayern möchte den Weg dafür öffnen, dass KI künftig auch dort in der Verwaltung eingesetzt wird, wo menschliches Ermessen gefragt ist: etwa bei einfachen Bau- und Veranstaltungsgenehmigungen oder im Sozialrecht. Das Kabinett hat den Gesetzentwurf beschlossen, der Landtag muss noch zustimmen. Welche Systeme einmal was entscheiden sollen und wo ihre Grenzen liegen, bleibt nebulös. Hauptsache, der digitale rote Teppich ist schon mal ausgerollt. Jurist*innen warnen: Ermessen heißt, den Einzelfall abzuwägen und eine Entscheidung verantwortlich zu begründen. Heutige KI-Modelle arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten. Ob ihre Ergebnisse rechtmäßig und nachvollziehbar sind? Hör auf, dir derart lästige Fragen zu stellen! Verantwortlich bleibt die Behörde. Erklären dürfen es am Ende vermutlich die Beschäftigten, die sind ja eh an allem schuld. Die Verwaltung hat einen Bearbeitungsstau. Da wirkt es verlockend, die Akten in eine Blackbox zu kippen und zu hoffen, dass unten ein korrekter Bescheid herausfällt. Fällt er falsch aus, darfst du dich gegen eine Entscheidung wehren, die kein Mensch im Einzelfall getroffen hat und deren Entstehung womöglich niemand vollständig erklären kann. Tolle Zeiten!
Das größte Münzschieber-Spiel der Welt
Die Anbieter großer Sprachmodelle schieben Milliarden in Rechenzentren, Chips und neue Modelle und warten darauf, dass daraus endlich ein belastbares Geschäftsmodell wird. Der re:publica-Marketingchef Thomas Knüwer warnt in seinem Blog: Platzt die GenAI-Blase, könnte daraus eine handfeste Wirtschaftskrise werden. Die von ihm zusammengetragenen Zahlen liefern jedenfalls genug Stoff für nervöses Fingernägelknabbern: riesige Verluste, noch größere Investitionen und erstaunlich wenige Produktivitätswunder, die außerhalb euphorischer Keynotes gesichtet wurden. Trotzdem wandert weiter Geld in den Automaten. Frisches Kapital muss her, dann noch mehr davon und möglichst bald ein Börsengang. Das kennt jede*r, der auf der Kirmes seit zwanzig Minuten dieselbe Münze anstarrt und fest davon überzeugt ist, dass beim nächsten Schub der ganz große Gewinn kommt. Noch ein Rechenzentrum, noch eine Finanzierungsrunde – dann klappt das alles ganz bestimmt, ehrlich! fingerscrossed Ob daraus tatsächlich eine globale Rezession wird, ist offen. Klar ist aber: Wenn eine Branche ihre Verluste vor allem mit noch mehr Kapital kompensiert, sollten wir uns fragen, ob wir tatsächlich unsere Zukunft finanzieren. Oder nur einem sehr teuren Automaten beim Blinken zusehen.
Final_final_neu2.xlsx bekommt Hilfe
Zivilgesellschaftliche Organisationen sammeln jede Menge Daten, die häufig ein bewegtes Eigenleben zwischen verwaisten USB-Sticks und kryptisch benannten Cloud-Ordnern führen. Das Civic Data Lab möchte diese Datenschätze aus dem digitalen Bermudadreieck retten. Das gemeinsame Projekt von CorrelAid, der Gesellschaft für Informatik und dem Deutschen Caritasverband unterstützt Organisationen, Initiativen und engagierte Gruppen dabei, Daten sinnvoll für gemeinwohlorientierte Ziele zu nutzen. Dafür gibt es kostenlose Beratung, eine Community sowie viele kostenfreie Lernangebote zu Datenmanagement, Visualisierung und KI. Auch Einsteiger*innen dürfen mitmachen, ohne vorher ehrfürchtig Fachbegriffe aus der Tech-Welt aufsagen zu müssen. Die Idee ist erfreulich bodenständig: Daten sollen helfen, die eigene Wirkung besser zu verstehen, sichtbar zu machen und Angebote fundierter zu planen. Spätestens wenn Fördermittelgeber*innen wieder nach Ergebnissen fragen, ist „Die Tabelle müsste hier irgendwo sein“ schließlich nur bedingt überzeugend. Ein nützliches Angebot für alle, die vermuten, dass in ihren Dateien mehr steckt als kaputte Formeln und Erinnerungen an längst vergangene Zeiten.
650 Milliarden Dollar für die KI-Wette
Alphabet, Amazon, Meta und Microsoft wollen 2026 laut MeTacheles rund 650 Milliarden Dollar in Rechenzentren und Hardware stecken. Also in Beton, Chips, Strom, Wasser und damit in das sehr teure Versprechen, dass sich dieser KI-Rausch irgendwann schon rechnen wird. Sascha Pallenberg schaut auf die Zahlen – und plötzlich wirkt die glorreiche Zukunft eher wie ein überdrehter Brummkreisel, der ekelige Quietschgeräusche von sich gibt. Fast die Hälfte der geplanten US-Rechenzentren für 2026 ist laut Bericht bereits verschoben oder abgesagt, weil Strom, Fachkräfte, Wasser und Transformatoren eben nicht einfach mal zu prompten sind. Gleichzeitig deckeln immer mehr Unternehmen ihre KI-Ausgaben oder wechseln auf billigere Modelle, sobald die echte Token-Rechnung auf dem Tisch liegt. Ja, natürlich ist KI in manchen Bereichen nützlich. Aber vielleicht sollten wir mehr darüber nachdenken, was sie uns tatsächlich kostet.
https://www.metacheles.de/ki-blase-durchgerechnet-erst-zahlen-dann-erschrecken

