Big Tech nennt das Fortschritt

Big Tech sitzt am größten Wissensbuffet der Welt und schaufelt sich Bücher, Bilder, Forschung und journalistische Arbeit auf den Teller – und erklärt anschließend, die Rechnung gefährde den Fortschritt. Für uns Urheber*innen bleibt gelegentlich ein Link übrig. Sehr großzügig. Das iRights.Lab schlägt deshalb eine Abgabe für kommerzielle KI-Anbieter vor: Wer sich am öffentlichen und kreativen Wissen mästet, soll wenigstens dafür zahlen. In manchen Vorstandsetagen dürfte allein dieser Gedanke als Enteignung gelten.

Auch beim Bau neuer Rechenzentren wird die Rechnung gern an andere weitergereicht. Strom, Wasser, Flächen: Werden schon irgendwo herkommen. Hauptsache, die nächste Maschine kann in Sekunden eine mittelmäßige Geburtstagsrede schreiben. Weltweit wächst deshalb der Widerstand. Vielleicht ist Fortschritt doch mehr als ein immer größerer Serverpark mit Hochglanz-Werbeprospekt, der uns ein entspanntes Leben am Strand verspricht?

Dazu passt Curtis Yarvin, der Demokratie für überflüssigen Papierkram hält und den Staat gern einem Monarchen mit Geschäftsführer-Visitenkarte übergeben würde (mit Absicht männlich gegendert!). Seine Ideen haben Fans bei einflussreichen Männern aus Politik und Big Tech – Mitbestimmung ist in dieser Denke nicht mehr hochverfügbar, um mal im Jargon zu bleiben.

Etwas harmloser, aber ebenfalls entlarvend: Claude wechselt je nach Sprache den Charakter. Auf Deutsch klingt die KI eher wie eine Sachbearbeiterin, anderswo wärmer oder sogar witziger. So viel zur neutralen Maschine. Jan.ai zeigt immerhin, dass lokale Modelle auch auf dem eigenen Rechner laufen können, ohne jedes Gespräch auf Weltreise mit unbekanntem Speicherort zu schicken. Und weil aufgeblähte Texte ebenfalls Ressourcen verschwenden, kommt Kürzungs-Kuno zum Einsatz.

Richtig positiv ist ein gänzlich unverhoffter Einsatzzweck von KI, wie er in einer Doku des NDR auf den Spuren niederträchtiger Cyberbetrüger geschildert wird.

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MEINUNG

All you can scrape: Das Big-Tech-Geschäftsmodell

Stell dir ein Restaurant vor: Einige Gäste räumen das Buffet leer. Komplett. Nicht einmal ein trauriges Deko-Petersilienbüschel überlebt. Danach erklären sie, dass eine Rechnung an sie die kulinarische Innovation gefährden würde. Genau so funktioniert die Ökonomie generativer KI.

Fremdes Wissen rein, eigener Umsatz raus

Die Maschinen sind mit menschlicher Arbeit gefüttert: journalistischen Recherchen, wissenschaftlichen Veröffentlichungen, Werbetexten, Bildern, Videos, Songs, Büchern. Wikipedia, Bibliotheken und öffentliche Repositorien liefern ebenfalls ordentlich Kraftfutter. Die KI-Industrie agiert beim Zugriff auf dieses Weltwissen allerdings wie in einem Selbstbedienungsladen, in dem der Ladendetektiv gerade in Urlaub ist.

Dabei brauchen diese Tools ständig Nachschub. Denn KI kann sich schließlich nicht dauerhaft vom eigenen Output ernähren, ohne irgendwann sprachlichen Skorbut zu bekommen. Also saugt Big Tech öffentlich verfügbare Inhalte ein, verarbeitet sie zu handlichen Antworten (frei von störenden Urheber*innen) und serviert sie in Chatbots. Die Nutzer*innen bleiben im Tool, die ursprünglichen Quellen verlieren ihre Reichweite fast vollständig. Big Tech erhält also die Aufmerksamkeit und kassiert den Umsatz, für die Urheber*innen bleibt gelegentlich ein Link übrig. Tja, Pech gehabt. Brauchst du halt einen neuen Job.

Überraschung: Das Buffet war nicht kostenlos

Das iRights.Lab schlägt deshalb eine europaweite Disruptionsabgabe vor. Kommerzielle KI-Anbieter sollen einen Teil ihrer in der EU erzielten Umsätze in das Informationsökosystem zurückzahlen, aus dessen Beständen sie die Zutaten für ihre Geschäftsmodelle beziehen. Das Geld würde zweckgebunden Journalismus und Kultur, Bildung, Wissenschaft sowie digitale Wissensinfrastrukturen stärken. Die Abgabe soll nur kommerzielle Anbieter von KI-Modellen und -Systemen treffen; nichtkommerzielle, wissenschaftliche, gemeinnützige und öffentlich-rechtliche Angebote wären ausgenommen.

Allerdings kann das Urheberrecht diese Großbestellung nicht allein auseinanderklamüsern, denn viele offene oder öffentlich finanzierte Angebote fallen durch sein Raster. Außerdem lässt sich kaum seriös bestimmen, welchen Anteil ein bestimmter Artikel, ein Bild oder ein Buch am Erfolg eines Modells hatte. Vorschlag: Vielleicht baut jemand dafür einen KI-Agenten? Der errechnet den Anteil auf sechs Nachkommastellen und erfindet zur Sicherheit noch drei Quellen dazu. Funktioniert doch sonst auch prima.

Wenn der Komposthaufen sich selbst füttert

Die neue Abgabe setzt daher beim Umsatz an. Vorhandene Rechte bleiben bestehen, geschützte Inhalte werden dadurch nicht zum Selbstbedienungsbuffet. Die Profiteur*innen müssten sich lediglich an den Kosten ihres Geschäftsmodells beteiligen. Eine geradezu marxistische Zumutung: Wer verdient, soll etwas bezahlen. Das Risikokapital bekommt schon allein bei der Vorstellung Schnappatmung!

Doch ohne neue menschliche Inhalte wird KI zunehmend durch das digitale Wiederkäuen des eigenen Outputs gemästet. Modelle lernen dann aus Texten, die andere Modelle aus Texten gebaut haben, die wiederum auf älteren Modelltexten beruhen. Diesen digitalen Komposthaufen sollten wir jedenfalls nicht mit einer Bibliothek verwechseln.

Wir beim MI-Siegel unterstützen die 10 Thesen zur Vergütung: Die KI-Industrie darf gern weiter am Buffet sitzen. Am Ausgang steht jetzt allerdings eine Kasse. Und dort reicht kein Link als Trinkgeld.

Zu den 10 Thesen zur Vergütung (PDF)


NACHDENKEN

Welchen Fortschritt hättest du gerne?

Die Geschichte der Menschheit wird üblicherweise entlang von Fortschritt erzählt. Es-immer-bequemer-haben-Wollen ist das Schwungrad der kulturellen Revolution, davon haben wir im letzten Newsletter gesprochen. Irgendwann muss mal jemand auf den Gedanken gekommen sein, dass es doch nicht nur „immer bequemer“, sondern ruhig auch „immer mehr“ sein könnte. Wetten, dieser Jemand hatte dabei vor allem sein eigenes Wohl im Sinn?

Inzwischen ist klar: Immer mehr nutzt unterm Strich hauptsächlich Großkonzernen und Tech-Eliten, sprich nur sehr, sehr wenigen Personen weltweit. „Ich den Kuchen, ihr die Krümel“, so das Geschäftsmodell. Das Ganze garniert mit Zuckerguss à la Innovation, Strukturentwicklung, neue Arbeitsplätze, mehr Effizienz durch KI, mehr Wohlstand für alle. In einem Wort: Fortschritt! Ein Super-Feigenblatt, das einigermaßen geschickt verschleiert, worum es diesen Leuten eigentlich geht.

Klickediklick, Drag-and-Drop

Der Immer-mehr-Fortschritt funktioniert bis heute prima. Neueste Variante: der grassierende Neubau von Rechenzentren speziell für KI, wofür Unmengen an Strom und Wasser draufgehen. Die dann für andere und lebenswichtigere Dinge, als eine KI zu trainieren, logischerweise fehlen. Allerdings macht jeder Mensch ohne funktionierende natürliche Ressourcen – Luft, Wasser, Energie und Boden – ziemlich schnell die Grätsche. Statt mal eine Minute darüber nachzudenken, dass das ja auch sie selbst treffen könnte, versinken Tech Bros und Oligarchen in wahnhaften Zukunftsfantasien und Fieberträumen, in denen alles nach ihrem persönlichen Geschmack gestaltet wird. Bau dir die Welt, wie sie dir gefällt! Natur und Klima? Klickst du einfach weg, easy. (Bei SimCity hat das doch auch funktioniert …?) Oder du entfleuchst halt auf den Mars, wenn’s eng wird.

Leider macht jetzt auch das Klima einen auf Immer-mehr-Fortschritt: Brände, Hitzewellen, zu viel Wasser oder zu wenig – von alledem gibt’s jetzt hübsch brav immer mehr. Wie versprochen, so geliefert. Vielleicht sorgt das jetzt für „Feuer unterm Hintern“ (passendes Bild, sorry), jedenfalls kommt inzwischen scharfer Gegenwind auf. In den USA hat jetzt als erster der US-Bundesstaat New York durchgegriffen: mit einem Jahr Pause für den Neubau von KI-Rechenfarmen. Im chilenischen Santiago, wo bereits jetzt Wasserknappheit herrscht, konnte öffentlicher Protest Projekte stoppen oder verkleinern. Und im oberösterreichischen Kronstorf bringt der Neubau eines Google-Rechenzentrums aktuell die Leute auf die Straße. Und nochmal zurück in die USA: „I urge you to stand up and say no“, forderte ein gerade mal 11-Jähriger im Juni die Stadträt*innen von Chesterfield County, Virginia auf. Nein zu „Project Skye“, dem Neubau eines Google-Rechenzentrums vor Ort. Hier ein kleiner Videomitschnitt seiner Ansprache. Die richtigen Argumente lieferte er natürlich mit. Chapeau!

Neue Probleme suchen gehen

Wachstums- und kapitalismuskritische Stimmen haben den Immer-mehr-Fortschritt schon vor vielen Jahrzehnten hinterfragt – der offizielle Startschuss der Debatte fiel mit der Studie „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome 1972. Das Credo der Postwachstumsbewegung: Fortschritt ist auch Fortschritt ohne Immer-mehr. Oder vielmehr gerade dann.

Welchen Fortschritt also wollen wir? Fortschritt plus Immer-mehr (Klimahölle inklusive) oder Fortschritt minus Immer-mehr? Werfen wir das Immer-mehr aus der Formel, eröffnet uns das Wörtchen „Fortschritt“ viel mehr Denkfreiheit und Möglichkeiten, unsere Zukunft zu gestalten. Es macht „Lust auf bessere Probleme“, wie der Wirtschaftsphilosoph Anders Indset das hier nennt. Immer-mehr-Fortschritt ist ein Blocker und ein altes Problem, das getrost auf den Schuttabladeplatz der Zeit kann. Gehen wir uns neue, bessere Probleme suchen und lösen wir doch die: zum Beispiel, dass wir noch nicht unabhängig von Öl und Gas sind. Oder dass unser Wassermanagement an seine Grenzen stößt.

LLMs werden erst einmal nicht wieder weggehen – da müssen wir realistisch bleiben. Doch vielleicht liegt in der aktuell noch beunruhigenden Entwicklung auch eine Chance: dass wir in Politik und Gesellschaft intensiver und genauer darüber nachdenken, was für eine Zukunft mit und abseits von KI wir möchten.


LESEN – HÖREN – SCHAUEN

Love. Like. Lost.

Manipulation im Liebes-Chat mit anschließender Erpressung. Vermeintliche Investitionen, die auf Nimmerwiedersehen in Krypto-Wallets von Verbrechern landen: Auf Social Media und Datingplattformen lauern Betrugsgefahren. Doppelt fies dabei: Auch die Betrügenden sind Opfer, gedungen von einer Cybermafia, die im industriellen Stil Milliardengewinne scheffelt und auch vor Folter nicht zurückschreckt. Um Drahtzieher und Hintermänner zu finden, kommt inzwischen KI zum Einsatz. Dystopisch, aber spannend.

Zum Video in der ARD-Mediathek


KI-TIPP

Kürzungs-Kuno trennt den Text vom Polster

KI-Texte werden gern länger, ohne klüger zu werden. Noch ein blumiger Übergang, noch ein freundlicher Hinweis, noch ein Satz, der ungefähr dasselbe sagt wie der Satz davor, nur eben im frisch gebügelten Hemd. Kürzungs-Kuno macht damit kurzen Prozess. Er streicht nicht den Gedanken weg, sondern das Polster drumherum.

So nutzt du Kuno:

  • Mache einen neuen Chat auf.
  • Prompte: „Kürze den folgenden Text um etwa ein Drittel. Qualität geht vor exakter Kürzungsquote. Erhalte Kernaussage, Haltung, Tonfall und wichtige Beispiele. Streiche Wiederholungen, Füllsätze, unnötige Erklärungen und aufgeblähte Formulierungen. Verändere keine Fakten und füge nichts hinzu. Gib zuerst die gekürzte Fassung aus, danach kurz die wichtigsten Streichentscheidungen mit Begründung.“ Kopiere deinen Entwurf in den Chat unterhalb des Prompts.
  • Überarbeite die gekürzte Version anschließend selbst, damit sie weiter nach dir klingt.

Merksatz: Wenn ein Text nach drei Absätzen immer noch Anlauf nimmt, kralle dir Kürzungs-Kuno.


MI-SIEGEL-SCHULUNG

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Wie gelingt wirklich guter KI-gestützter Content? Nicht durch noch mehr Tools oder noch längere Prompts, soviel ist sicher. Sondern durch ausgereifte Arbeits- und Denkprozesse.

In unserer Schulung lernst du, wie du mit KI effizient und nachhaltig arbeitest, ohne auf Qualität zu verzichten. Perfekt für alle, die KI in Marketing und Kommunikation professionell und wirksam einsetzen wollen.

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Schulungspreis regulär: 500 € zzgl. MwSt. – als Träger*in des MI-Siegels (120 € zzgl. MwSt./Jahr) bekommst du kostenfrei Zugang zur Schulung.

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„Einmal MI – immer MI. Als Texterin besuche ich die Schulung regelmäßig, weil sie mich zu den relevantesten Entwicklungen von LLM auf dem Laufenden hält. Das Wissen ist solide recherchiert, wird ebenso kompetent wie kritisch aufbereitet und sehr eingängig vermittelt. Danke!“

– Uta De Monte, Kommunikation De Monte


NEWS

Demokratie stört den Betriebsablauf

Die smarte Tyrannei trägt Bikerjacke und erklärt den Rechtsstaat zum Effizienzproblem. Curtis Yarvin hält Demokratie für einen kaputten Code (zu langsam, korrupt und ineffektiv) und träumt von einem Staat, der wie ein Konzern geführt wird: An der Spitze sitzt ein „CEO-Monarch“, Bürger*innen werden zu Kund*innen und wer mit den Geschäftsbedingungen unzufrieden ist, darf bitte umziehen. Menschenrechte gibt’s vermutlich – wenn überhaupt – nur im Premium-Abo.

Das Gefährliche daran ist weniger, dass ein kalifornischer Blogger autoritäre Fantasien pflegt – seine Ideen sind längst im Umfeld mächtiger Tech-Milliardäre und Politiker (mit Absicht männlich gegendert!) angekommen. Peter Thiel unterstützt ihn, J. D. Vance zitiert ihn und Marc Andreessen zählt ihn zu seinen Freunden. Ava Kofman zeigt in diesem Artikel, wie aus einem obskuren Internet-Ideologen ein Stichwortgeber für jene wurde, die Staaten gern so regieren würden wie Start-ups: ohne lästige Mitbestimmung und mit einem ziemlich übersichtlichen Vorstand. Der Beitrag stammt aus dem Jahr 2025 – und ist weiterhin sehr wichtig!

https://www.deutschlandfunk.de/curtis-yarvin-demokratie-jd-vance-peter-thiel-trump-usa-100.html

Claude trägt Persönlichkeit ins Sprachmenü

Wer Claude auf Deutsch anspricht, bekommt offenbar gern die digitale Sachbearbeiterin: korrekt, nüchtern und innerlich schon fast auf dem Weg in die Rente. Auf Arabisch oder Hindi reagiert das Modell wärmer und einfühlsamer. Und auf Koreanisch spiegelt es häufiger den Ton und lässt gelegentlich sogar einen Witz vom Server fallen. Einen Witz! Anthropic hat dafür rund 310.000 anonymisierte Gespräche ausgewertet. Das Ergebnis ist für Mensch-Maschine-Teams durchaus relevant: Wie Claude kritisiert, lobt oder eigene Fehler eingesteht, hängt deutlich von der Sprache und der verwendeten Modellversion ab. Derselbe Text kann auf Deutsch also ein höfliches „Bitte noch einmal gründlich überarbeiten“ kassieren und in einer anderen Sprache deutlich freundlicher durchgewunken werden. Internationale Zusammenarbeit, jetzt mit eingebautem Persönlichkeitswechsel. Woher diese Unterschiede kommen, untersucht Anthropic noch. Vermutlich plaudern hier kulturelle Muster und Schieflagen aus den Trainingsdaten munter mit. Die vermeintlich objektive Maschine hat jedenfalls mehrere Charakterkostüme im digitalen Kleiderschrank.

https://www.all-ai.de/news/beitrage2026/claude-sprache-persoenlichkeit-1

Jan holt die KI direkt auf deinen Schreibtisch

Jan ist eine kostenlose Open-Source-Alternative zu ChatGPT, die KI-Modelle direkt auf deinem Rechner ausführt. Deine Gespräche bleiben lokal, und nach dem Download funktioniert das Ganze sogar offline. Wer OpenAI oder Anthropic an Jan anbindet, schickt seine Daten allerdings wieder in die Cloud. Doch für alle, die weniger Big Tech auf dem Schreibtisch wollen, ist Jan einen Test wert.

https://www.jan.ai