KI kann inzwischen programmieren, beraten, formulieren, simulieren und dabei ausgesprochen überzeugend falschliegen. Verantwortung übernimmt sie weiterhin nicht, denn dafür sind Menschen zuständig.
In dieser Ausgabe schauen wir auf genau diese hübsche Arbeitsteilung: Ein Astrophysiker baut mit KI einen rasend schnellen Algorithmus, der leider kompletten Mist produziert. Studierende der TU Hamburg zeigen, dass man Ethik tatsächlich schon vor dem Skandal in ein Tool einbauen kann. Und während Big Tech neue Rechenzentren aus dem Boden stampft, erinnert das Kollektiv „Heiße Luft“ daran, dass die Dinger offenbar doch irgendwo stehen müssen und dabei Strom fressen und Wasser saufen. Wer hätte das gedacht.
Auch wir gehen jetzt dahin, wo Verantwortung zumindest theoretisch organisiert wird – in die Politik. Der MI Menschliche Intelligenz e. V. steht offiziell im Lobbyregister des Bundestags. Unsere Mission: den Wert menschlicher Arbeit und Verantwortung in die KI-Debatte tragen.
Außerdem geht es in diesem Newsletter noch um Perspektiven-Petra, datenschutzfreundlichere KI-Reseller und die nächste MI-Schulung. Denn die Maschinen werden leistungsfähiger. Jetzt müssten nur noch die Menschen zuständiger werden.
Noch kein MI-Siegel? Dann wird’s höchste Zeit. Ein sichtbares Zeichen für menschliche Intelligenz und eine tolle Community gibt’s hier: https://www.mi-siegel.de/
IN EIGENER SACHE
Jetzt wird gelobbyt. Für menschliche Intelligenz und Verantwortung.
Yeah, wir stehen jetzt offiziell im Lobbyregister des Deutschen Bundestags. Ja, wir sind damit Lobbyist*innen. Klingt ein bisschen nach schummerigen Fluren, opulenten Häppchenempfängen und Leuten, die unauffällig Aktenkoffer herumtragen.
Unsere Variante sieht allerdings etwas anders aus. Wir wollen dafür sorgen, dass bei politischen Entscheidungen über KI diejenigen mitgedacht werden, die deren Folgen im Arbeitsalltag längst spüren: Menschen aus kreativen und wissensbasierten Berufen. Es geht um den Wert menschlicher Arbeit, um Verantwortung beim KI-Einsatz und darum, wem es eigentlich nutzt, wenn immer mehr Tätigkeiten automatisiert werden. Genau diese Themen stehen nun auch schwarz auf weiß in unserem offiziellen Registereintrag.
Und wir haben schon angefangen: Eine eigene Arbeitsgruppe kümmert sich um die politische Arbeit, erste Ansprechpartner*innen im Bundestag sind recherchiert und einige pfiffige Ideen flattern schon durch unsere Köpfe, mit denen wir hoffentlich mehr Aufmerksamkeit erzeugen als mit einer weiteren höflichen Mail, Betreff „Wir würden uns über einen Austausch freuen“.
Denn bei KI-Politik geht es bislang verdächtig oft um Wettbewerbsfähigkeit, Investitionen und die Frage, wie Deutschland technologisch mithalten kann. Alles relevant, klar, nur reicht das nicht. Wer Regeln für KI macht, entscheidet auch darüber, wie sich Arbeit verändert, wie Verantwortung verteilt wird und wessen Interessen am Ende mehr Gewicht bekommen.
Und deshalb wollen wir dahin, wo diese Entscheidungen vorbereitet werden.
Unser Eintrag im Lobbyregister: https://www.lobbyregister.bundestag.de/suche/R008213/85675
MEINUNG
Das lukrativste KI-Feature: Niemand war’s
KI-Unternehmen geben ihren Systemen Namen, Stimmen, Gedächtnis und eine möglichst geschmeidige Persönlichkeit. Die Software spricht mit uns, als säße da jemand. Sie antwortet aus der Ich-Perspektive, tröstet, bestätigt und merkt sich im besten Fall sogar, dass du deinen Kaffee schwarz trinkst. Schließlich lässt sich ein System, das wie ein Gegenüber wirkt, leichter in unseren Alltag schieben als ein nüchterner Wahrscheinlichkeitsrechner mit Rechenzentrum im Rücken.
Vorne Persönlichkeit, hinten Notausgang
Diese Vermenschlichung hat einen ausgesprochen praktischen Nebeneffekt: Die KI darf vorne Person spielen, während hinten die Verantwortung verdampft.
Solange alles funktioniert, besitzt das System erstaunlich viele „menschliche“ Eigenschaften. Claude „denkt“, ChatGPT „versteht“, der Assistent „kennt dich“. KI-Produkte werden uns als Begleiter*innen, Coaches oder digitale Kolleg*innen verkauft. Doch sobald eines dieser Systeme diskriminiert, gefährliche Ratschläge gibt oder Menschen anderweitig schädigt, wird das Vokabular plötzlich recht technisch: Modellverhalten, unvorhersehbare Ausgabe, emergentes Verhalten. Der Algorithmus halt, das widerborstige Ding. Und der hat praktischerweise weder einen Vorstandsposten noch ein Konto und erst recht keine Haftpflichtversicherung.
Erst ein Bewusstsein, dann ein Sternzeichen?
Inzwischen wird ernsthaft darüber diskutiert, ob hochentwickelte KI-Systeme irgendwann Bewusstsein besitzen könnten und daraus ein moralischer Status erwachsen müsste. Dabei können wir bis heute nicht einmal abschließend erklären, was Bewusstsein eigentlich ist – soviel zur Ausgangslage. Trotzdem beschäftigen sich Forschende bereits mit möglicher Empfindungsfähigkeit, moralischem Status und sogar möglichen Rechten von KI. Gleichzeitig warnen Fachleute davor, wie schnell Menschen dort, wo Sprache und Verhalten überzeugend genug wirken, Bewusstsein vermuten.
Genau hier wird die philosophische Debatte politisch relevant. Denn sobald wir Maschinen zunehmend als eigenständige Akteur*innen beschreiben, verändert sich unsere Vorstellung davon, wer eigentlich handelt. Sprache schafft eigentlich Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten. Doch wer oft genug davon spricht, eine KI habe „entschieden“, gewöhnt sich irgendwann daran, die Anführungszeichen wegzulassen.
Der perfekte Sündenbock braucht kein Gehalt
Für Unternehmen wäre ein eigenständiger künstlicher Akteur ausgesprochen komfortabel. Sie entwickeln die Systeme, treffen Entscheidungen über Datenquellen und Trainingsverfahren, legen Schutzmaßnahmen und Einsatzbedingungen fest und kassieren die Erlöse. Wenn etwas schiefgeht, steht zwischen ihnen und dem Schaden plötzlich dieses merkwürdige neue Etwas namens KI. Eine Art digitaler Blitzableiter, am besten noch mit knuffigem Avatar.
Rechtlich funktioniert dieser Trick bislang nicht: Eine KI ist keine Person, die einem Unternehmen einfach die Haftung abnehmen könnte. Umso wichtiger ist, dass wir uns diese Verschiebung auch sprachlich und gesellschaftlich nicht angewöhnen.
Trotzdem ist die Frage nach Maschinenbewusstsein durchaus interessant – nur aus anderen Gründen, als manche Menschen im Silicon Valley vermutlich hoffen. Die Allgemeine Künstliche Intelligenz (AGI) kann irgendwann Geburtstag feiern, sich einen Vornamen aussuchen und Rot zur Lieblingsfarbe erklären. Wir können ihr auch ein Sternzeichen verpassen, falls das die Investor*innen glücklich macht. Doch vorher sollten wir eine deutlich nüchternere und relevantere Frage geklärt haben: Wer steht für die Folgen gerade?
Reue lässt sich generieren
Ein Sprachmodell kann Reue formulieren, Konsequenzen tragen kann es nicht. Es kann sprachlich perfekt Verantwortung simulieren und dabei keinen Moment lang moralisch verantwortlich sein. Dafür braucht es jemanden, dem Handlungen zugerechnet werden können und der für deren Folgen einsteht. Und eben diese Menschen und Organisationen gibt es. Sie entwickeln KI-Systeme, bringen sie auf den Markt und entscheiden, unter welchen Bedingungen wir sie benutzen sollen. Dort muss die Verantwortung bleiben.
Wir sollten deshalb höllisch aufpassen, dass wir mit der künstlichen Persönlichkeit nicht gleich noch eine zweite Erfindung geliefert bekommen: künstliche Verantwortlichkeit. Für manche Unternehmen könnte ausgerechnet das zum lukrativsten KI-Feature werden.
KI-TIPP 1
Perspektiven-Petra verschiebt deinen Blickwinkel
KI-Texte klingen oft ordentlich: saubere Sätze, höfliche Übergänge und über allem hängt ein Hauch Seminarraumluft. Doch heißt das noch lange nicht, dass sie echte Menschen erreichen.
Perspektiven-Petra packt deinen Text in einen anderen Alltag. Plötzlich liest ihn keine wohlwollende Fachperson mit Vorwissen, sondern jemand mit wenig Zeit, wenig Geduld und null Bock auf KI-Geschwurbel. Da zeigt sich schnell, was hängen bleibt und was nur hübsch herumbuchstabt.
So holst du Petra in deinen Text:
- Kopiere deinen Text in einen neuen Chat.
- Prompte: „Lies diesen Text aus Sicht einer Person, die wenig Zeit, wenig Vorwissen und keine Lust auf KI-Geschwurbel hat. Was bleibt hängen? Was nervt? Was klingt zu akademisch, zu privilegiert oder zu weit weg vom Alltag? Gib das Ergebnis als Tabelle aus: Fundstelle, Problem, Begründung, bessere Alternative.“
- Überarbeite alles, was nur für Menschen funktioniert, die ohnehin schon einverstanden sind.
Merksatz: Perspektiven-Petra macht mit deinem Text den Realitätscheck. Doch Obacht, dieser Prompt wollte aus dem Newsletter alle Merkmale unserer Markenstimme entfernen. Bitte prüfe das Feedback also Punkt für Punkt, damit du nicht aus Versehen Dinge abänderst, die wichtig für deinen Text sind.
MI-SIEGEL-SCHULUNG
Hol dir das MI-Siegel und erhalte die Schulung „KI & Content-Qualität“ dazu – kostenfrei (statt für 500 Euro netto)!
Wie gelingt wirklich guter KI-gestützter Content? Nicht durch noch mehr Tools oder noch längere Prompts, soviel ist sicher. Sondern durch ausgereifte Arbeits- und Denkprozesse.
In unserer Schulung lernst du, wie du mit KI effizient und nachhaltig arbeitest, ohne auf Qualität zu verzichten. Perfekt für alle, die KI in Marketing und Kommunikation professionell und wirksam einsetzen wollen.
👉 Dienstag, 24. November 2026, 9.00 bis 12.30 Uhr
Schulungspreis regulär: 500 € zzgl. MwSt. – als Träger*in des MI-Siegels (120 € zzgl. MwSt./Jahr) bekommst du kostenfrei Zugang zur Schulung.
Du möchtest teilnehmen und hast noch kein MI-Siegel? Hier kannst du dir das MI-Siegel holen.
„Im Online-Seminar KI & Content-Qualität bringt das Team die KI-Nutzung praxisnah und verständlich auf den Punkt. Weil KI weder eigene Erfahrung noch eigenes Denken mitbringt, macht der Mensch mit klaren Prompts den Unterschied, wenn es um den Output geht. Ein wertvoller Navigator durch den KI-Dschungel!“
Dr. Angela Degand, Wissenschaftslektorin (www.optimierte-texte.de)
KI-TIPP 2
Datenschutzkonformer KI-Reseller gesucht?
Wer ChatGPT, Claude und Co. nicht direkt über die großen US-Anbieter nutzen möchte, landet schnell bei Resellern mit Versprechen rund um Datenschutz und europäische Datenverarbeitung. Julia Junge, Digitalisierungsexpertin und KI-Trainerin mit Schwerpunkt auf Non-Profits, hat dafür eine praktische Vergleichsliste erstellt. Darin sammelt sie deutsche KI-Reseller und zeigt, welche Modelle angeboten werden, was sie kosten und wie die Anbieter mit Daten umgehen. Praktisch für alle, die nicht jeden Anbieter selbst durchgoogeln wollen. Die Entscheidung nimmt dir die Liste nicht ab – aber ziemlich viel Recherchearbeit. Danke dir dafür, liebe Julia!
https://docs.google.com/document/d/16AhDKEb4u45OV945fTeMILaXxh5hh1ZR5OQRN1Oad68/mobilebasic
NEWS
Zehnmal schneller, leider falsch.
Astrophysiker Paul Sutter hatte mit KI-Coding-Agenten einen Algorithmus gebaut, der zehnmal schneller lief und hundertmal größere Datensätze verarbeiten konnte. Wochenlange Arbeit, tolle Grafiken, überzeugende Ergebnisse. Alles tutti! Dann präsentierte er das Ganze Kolleginnen und Kollegen. Nach zehn Minuten kam eine Frage zu den Rändern der Himmelsdaten. Bämm, genau dort steckte ein Fehler. Und damit waren die Ergebnisse falsch. Sutter beschreibt in seinem Blog ziemlich eindrücklich, wie ihn die souverän wirkende KI eingelullt hatte. Seine Konsequenz: KI darf helfen, aber jeder Schritt muss überprüft werden. Eigentlich eine banale Erkenntnis. Beim total coolen, megainnovativen Vibe Coding aber offenbar schon wieder revolutionär.
https://nautil.us/ai-made-me-look-foolish-then-i-learned-1283376
Ethics by Design
KI und Ethik – klingt wie Feuer und Wasser, oder? Die aktuellen Entwicklungen zum Beispiel bei OpenAI („Ja gut, unsere Agenten haben ’ne deutsche Website gehackt. Ja, ok, es ist nicht erst gestern passiert …“) tragen nicht gerade dazu bei, unsere Meinung dazu zu ändern. KI ist eine erratisch agierende Blackbox und bei aller Begeisterung halten viele sie deshalb für gefährlich.
Da wirkt diese News wie ein Silberstreif am Horizont: Fünf Studierende am Institute for Ethics and Technology der TU Hamburg haben im Masterseminar „Ethical Innovation and AI“ smarte KI-Anwendungen entwickelt, bei denen Ethik von der ersten Codezeile an integriert ist, und diese beim internationalen Ethik-Kongress in Amsterdam vorgestellt. Ein AI-Content-Checker, ein KI-Lügendetektor, ein Tool zum effizienten und umweltschonenden Prompten, ein Tool für Lebensläufe, die nicht durch einen geschlechtsspezifischen Bias von Recruiter*innen rausgekegelt werden, ein empathischer Krisen-Copilot für Menschen, die im Straßenverkehr in Extremsituationen kommen.
Von den fünf Ideen zog der Detektor für KI-Lügen in die europäische IP4OS Open Innovation Challenge ein und räumte auch gleich den ersten Preis ab. Wir gratulieren und sagen: Bitte weiterentwickeln!
Heiße Luft, Himmel hilf!
Big Tech verkauft uns KI-Segnungen auch gerne mal als Lösungen im Klimaschutz und dass die eben gaaaanz viel neue Rechenpower brauchen. Heißt: gaaaanz viele neue Rechenzentren. In die Hände gespuckt, ihr Lieben, wir kurbeln die Wirtschaft an! Das ist nicht nur im Big-Tech-Mutterland USA so; auch hierzulande herrscht Goldgräberstimmung beim Rechenzentrumsbau, weil, du weißt schon, KI … Die gigantischen Mengen an Strom, Wasser und Boden, die diese Kolosse schlucken? Der Krach, den sie machen, die Hitze, die sie ausatmen? Weitergehen bitte, hier gibt es nichts zu sehen! (Vermutlich sitzen die RZ-Monster-Planer*innen in hübsch klimatisierten Büros – Sommer 2026, war da was?).
Und ob es was zu sehen gibt: Das Kollektiv „Heiße Luft“ informiert auf seiner gleichnamigen Website ausführlich und aktuell zum Thema Ressourcenverbrauch durch den Rechenzentrums-Bauwahn in Deutschland. Auf einer interaktiven Karte kannst du dir ansehen, wo in Deutschland neue Rechenzentren entstehen (sollen), ihr Bau gerade pausiert und es Widerstand dagegen gibt. Ist deine Region dabei? Zoom dich mal rein.

