Wenn die Rechnung kommt, sind wir längst abhängig

Einhundertdreißig Milliarden Euro. So viel Cash-Burn hat OpenAI bis zu seinem anvisierten Break-Even 2029/2030 eingeplant. Wer denkt da nicht sofort an die Dotcom-Blase? Oder an Glücksspiel? Passt beides.

Während Big Tech Milliarden verbrennen, werden parallel Rechte geschreddert: Bücher, Artikel, Texte von Menschen, die ihr Handwerk jahrelang gelernt haben, werden – bämm – weiterhin ungefragt in Trainingsdatensätzen versenkt. Ohne Einwilligung, ohne Vergütung und komplett intransparent. Erst werden Modelle mit Resultaten geistigen und kreativen Schaffens gefüttert, dann werfen sie auf Knopfdruck ähnliche Texte aus. Und am Ende denken Unternehmen: „Warum Kreativkram bezahlen? Wir haben doch KI.“

Gleichzeitig memorieren diese Algorithmen ganze Bücher Wort für Wort: Krasse Beispiele sind Harry Potter, Orwells 1984 oder auch Frankenstein. OpenAI nennt das einen seltenen Bug. Forscher*innen nennen es systemimmanent.

Doch es gibt auch hoffnungsvolle Signale: Das LG Darmstadt hat entschieden, dass KI-generierte Gutachten unverwertbar sind und nicht vergütet werden. Ein klares Zeichen dafür, dass Gerichte langsam aufwachen. Während Big Tech weiterhin Daten an Behörden wie ICE weiterreicht. Natürlich ohne richterlichen Beschluss, einfach so. Doppelpfui!

Zeige deine Haltung nach außen mit dem Siegel für Menschliche Intelligenz. Demnächst wieder unter www.mi-siegel.de


IN EIGENER SACHE

Vereinsgründung: Warten auf Godot

Es gibt nichts Neues. Gar nichts.

Wir haben inzwischen eine Theorie entwickelt: Vielleicht nutzt die Behörde ein hochmodernes KI-System zur Antragsbearbeitung. Und zwar eins, das noch auf Windows 95 läuft. Oder die Unterlagen wurden versehentlich in die Trainingsdaten hochgeladen und kommen jetzt bald als halluzinierte Satzung wieder raus. Wer weiß das schon.

Wir warten also weiter … *nervöses Fingertippeln*


ANALYSE

Geldschredder oder Goldesel: Wie entwickelt sich die generative KI?

„Wir werden fantastische Gewinne sehen. Deshalb dranbleiben. Bald schon, ganz bald ist es soweit.“ Was an Glücksspiel- und Kettenbrief-Mechanik mit der ihr inhärenten Sunk Cost Fallacy denken lässt, ist tatsächlich eine Einstellung von Unternehmen, die aktuell in generative KI investieren. Beispiel OpenAI: ständige KPI-Korrekturen – mehr Verlust, weniger Gewinn, höherer Cash-Burn. Kein Ende in Sicht, aber siehe oben: Bald schon werden wir fantastische Gewinne sehen, kauft, Leute, kauft! Nota bene: OpenAI hat bis zu seinem erhofften Break-Even 2029/2030 kumuliert um die 130 Milliarden Euro Cash-Burn eingepreist. Einhundert. Dreißig. Milliarden!

Schlafende Behörden, arglose Politik

Wer da nicht direkt an Glücksspiel denkt, dem fällt sicher sofort die Dotcom-Blase ein, zumal wenn er oder sie gerade in generativer KI investiert ist. Die Mixtur scheint dieselbe wie damals zur Millenniumswende zu sein: technologische Übereuphorie, begeisterte Entrepreneure, Banker und Trader (mit Absicht männlich gegendert), die beim Wort „Disruption“ glänzende Augen kriegen (Dollarzeichen inbegriffen), verschwurbelte Finanzierungsmodelle, schlafende Regulierungsbehörden und politisch Verantwortliche, die sich nicht fragen, ob sie vielleicht mal das Ruder in die Hand nehmen sollten. Und erst aufwachen, wenn es zu spät ist.

Abhängig, gleich auf mehreren Ebenen

Geschichte wiederholt sich selten eins zu eins. Auch ohne Dotcom-Desaster ist das aktuelle Geschehen zumindest besorgniserregend, nicht nur des geschredderten Geldes wegen. Wie steht es um Datenschutz, wie um Security? Wie abhängig sind wir von Ländern mit fragwürdigen Regimen, die die Metalle, seltenen Erden und fossilen Energien für den riesigen Stromverbrauch der KI liefern können? Was ist mit gesellschaftlichen Verwerfungen durch gedankenlose oder bewusste Nutzung von KI für fragwürdige Zwecke, zum Beispiel Deepfakes, die inzwischen kinderleicht herzustellen sind?

Hat GenKI nun „Blasenprobleme“ oder nicht? Diese Frage und neun weitere zur aktuellen wirtschaftlichen Lage der generativen KI beantwortet dieser Artikel. Add-on: ein kleines Glossar zu den Economic Buzzwords, die wir gerade in der aktuellen Daten- und Rechenzentrumswirtschaft rauf und runter lesen.

https://www.drweb.de/ki-blase-ja-nein


MEINUNG

Datenraub: die neue Kolonialisierung

Was gerade mit Autor*innen, Journalist*innen, Texter*innen und Übersetzer*innen passiert, ist kein Betriebsunfall der Digitalisierung, sondern ein perfides System. Hinter jedem Buch, jedem recherchierten Artikel, jedem Text stehen Menschen, die ihr Handwerk über Jahre gelernt haben. Und dann? Landen ihre Werke in Trainingsdatensätzen – ohne Einwilligung, ohne Vergütung und das auch noch vollkommen intransparent.

Der Report „Brave New World? Justice for creators in the age of GenAI“ beschreibt genau das: Generative KI-Modelle wurden mit urheberrechtlich geschützten Inhalten trainiert, ohne dass die Urheber*innen zugestimmt hätten. Die ökonomische Wertschöpfung verschiebt sich dabei von den Schreibenden zu Big Tech. Die Society of Authors nennt das, was es ist: ein Gerechtigkeitsproblem.

Erst füttern, dann ersetzen

Zuerst werden Modelle mit menschlichen Kreativleistungen trainiert. Danach produzieren sie ähnliche Texte auf Knopfdruck. Schließlich sinkt die Zahlungsbereitschaft: „Warum noch zahlen? Die KI kann das doch auch.“ So wird geistige Arbeit erst abgeschöpft und dann billig substituiert.

Wenn Unternehmen von „Fair Use“ sprechen, klingt das juristisch sauber. Doch es geht um eine simple Frage: Wer verdient – und wer geht leer aus? Die kreativen Berufsgruppen stehen ohnehin unter Druck. Wenn ihre Arbeit nur noch als Rohstoff betrachtet wird, schrumpft nicht nur ihr Einkommen, sondern langfristig auch die kulturelle Vielfalt. KI reproduziert das Wahrscheinliche. Kreativität lebt vom Unwahrscheinlichen.

Spielregeln!

Der Report fordert Transparenz, funktionierende Lizenzmodelle und eine verbindliche Regulierung. Kurz: Spielregeln. Also etwas, was eigentlich vollkommen normal sein sollte, wenn verschiedene Interessen aufeinandertreffen.

Wollen wir wirklich in einer Kultur leben, in der geistige Arbeit erst abgesaugt und dann billig ersetzt wird – und wir das auch noch Fortschritt nennen sollen? Oder fordern wir endlich ein System, in dem Technologie nur unter Zustimmung, Beteiligung und Bezahlung eingesetzt werden kann?

Für uns beim MI-Siegel ist die Entscheidung klar.

https://www.the-aop.org/uploads/brave-new-world-justice-for-creators-report-29-01-2026.pdf https://societyofauthors.org/2026/01/30/brave-new-world/


KI-TIPP

Lass dir deinen Prompt zerlegen

Sprachprofis feilen stundenlang an einem einzigen Text und sind oft immer noch nicht ganz zufrieden. Aber ein Prompt wird einfach so rausgehauen – am besten mit einem dreifach donnernden „Passt schon“.

Mach’s doch mal anders:

  • Schreib deinen Prompt.
  • Bitte die KI: „Bewerte diesen Prompt kritisch. Was ist unklar, widersprüchlich oder zu allgemein?“
  • Überarbeite deinen Prompt nach dem KI-Output.
  • Mit dieser neuen Version deines Prompts stellst du deine eigentliche Aufgabe an die KI.

Merksatz: Jeder Prompt wird durch Nachdenken besser. Auch, wenn du KI dafür nutzt.


NEWS

Big data, big problem: Google spielt stille Post für ICE

Du denkst, deine Daten wären bei Google sicher? Süß. Laut TechCrunch hat der Konzern persönliche Daten eines britischen Studenten und Journalisten an die US-amerikanische Einwanderungsbehörde ICE weitergereicht – ohne richterlichen Beschluss, eine einfache administrative Vorladung hat gereicht. Name, Adressen, IPs, Bank- und Kreditkartendaten … klar, nimm alles mit, ICE. Datenschützende schlagen Alarm: Während bei richterlichen Beschlüssen noch geprüft wird, hat Google bei den Daten anscheinend den Prime-Versand für die Abschaffung der Grundrechte gewählt. Ein krasses Lehrstück darüber, wie dünn das Eis in Sachen Datenschutz wirklich ist. Und wie schnell Big Tech vom Datensammler zum staatlichen Service-Center wird. Aber hey, Hauptsache, die Nutzungsbedingungen waren transparent. Bestimmt irgendwo auf Seite 47.

https://techcrunch.com/2026/02/10/google-sent-personal-and-financial-information-of-student-journalist-to-ice/

Ökonomie 1.0 im KI-Zeitalter

Während KI angeblich Gewinne im Sekundentakt skaliert, blättern Ökonom*innen noch im Kapitel „Angebot und Nachfrage“. Dirk Specht beschreibt in einem DMZ-Kommentar einen Deadlock: Wertschöpfung wendet sich von menschlicher Arbeit ab, die größten Gewinne gehen an wenige Unternehmen, und die gesamtökonomische Rechnung bleibt offen. Die USA verlieren ihren klaren Vorteil, Kapitalströme verschieben sich Richtung Asien und traditionelle makroökonomische Modelle passen nicht mehr zur Realität. Europa scheint im Angesicht dieser geoökonomischen Dynamiken noch mit Lehrbüchern anno Tobak zugange zu sein. Die erklären tapfer eine Welt, die es so nicht mehr gibt. Kurz gesagt: Die Realität hat ein Software-Update bekommen, doch die Wirtschaftswissenschaft läuft noch auf Windows 95. Und niemand traut sich, den Neustart-Knopf zu drücken …

https://www.dmz-news.online/2026/02/12/3652/

Neue Arbeitswelt, alte Ungleichheit

Alle reden über KI, als käme die neue Arbeitswelt wie ein ideales Software-Update: Knöpfchen drücken, zurücklehnen, läuft alles wie mit guter Butter geschmiert. Ein Positionspapier der Ethik Society stört dieses Märchen und erinnert uns daran, dass Arbeit ein Machtverhältnis ist. Während Unternehmen Produktivitätsgewinne bejubeln, bleiben die unbequemen Fragen oft im Hintergrund: Wer profitiert eigentlich? Und wer zahlt mit Unsicherheit, Qualifizierungsdruck oder Jobverlust? Das Papier fordert ethische Leitlinien und eine faire Verteilung der Gewinne. Klingt selbstverständlich, ist es aber leider nicht. Denn solange Effizienz als Naturgesetz verkauft wird, wirkt jede soziale Leitplanke wie eine Fortschrittsbremse. Vielleicht sollten wir aufhören, darüber nachzudenken, wie schnell KI Arbeit verändert – und anfangen zu klären, wer diese Veränderung gestaltet. Auf die Politik können und sollten wir uns aktuell jedenfalls nicht verlassen.

Zum Positionspapier: https://wirtschaft-und-ethik.com/positionspapier-zukunft-der-arbeit/

KI lernt nicht. Sie kopiert – Wort für Wort.

Du dachtest, KI „lernt“? Nein, sie kopiert. Forscher*innen aus Stanford und Yale haben jetzt gezeigt, dass ChatGPT, Claude, Gemini und Grok ganze Bücher abspeichern. Mit den richtigen Prompts spucken sie fast vollständige Texte aus – Harry Potter, Orwells 1984, Der große Gatsby, Frankenstein. OpenAI nennt das einen „seltenen Bug“. Die New York Times nutze „irreführende Prompts“, habe vielleicht sogar „jemanden bezahlt, um unsere Produkte zu hacken“. Aber die Forschung ist eindeutig: Memorization ist kein Bug, sie ist systemimmanent. Mehrere Forscher*innen berichten sogar von zensierter Arbeit und Einschüchterung durch Firmenjurist*innen. Niemand will öffentlich darüber reden – aus Angst vor Vergeltung. Währenddessen verteidigt Sam Altman das „Recht der KI, zu lernen wie ein Mensch“. Doch es geht um Milliarden an möglichen Copyright-Schäden. Und um die Frage, ob eine Branche, die auf unlizenziertem Material aufgebaut ist, überhaupt so weitermachen darf.

https://www.theatlantic.com/technology/2026/01/ai-memorization-research/685552

KI am Schreibtisch: Werkzeug ja, Arbeitssklave nein

Das LG Darmstadt urteilt: Ein gerichtliches Sachverständigengutachten wird nicht vergütet, wenn es nicht persönlich erstellt wurde und wesentliche Teile von KI stammen (Az. 19 O 527/16). Ein solches Gutachten gilt als unverwertbar, Geld gibt es dann aus gutem Grund auch keins – zumindest dann nicht, wenn KI-Nutzung nicht vorher vertraglich vereinbart wurde. Besonders kritisch wird der Einsatz von KI bei kreativen, journalistischen, Content-, Beratungs- und Gutachterleistungen gesehen. Da sagen wir MI-Siegler*innen doch: „Danke, liebes LG Darmstadt“!

https://mailchi.mp/drschwenke/keine-angst-vor-us-datentransfers-ohne-privacy-shield-muster-ratschlge-und-checkliste-fr-standardvertragsklauseln-as7dd1f9bq-6180500