Viel Tempo, wenig Gewissen

Der Preis automatisierter Bequemlichkeit

An salbungsvollen Ansprachen aus der Politik können wir den Fortschritt der Digitalisierung nicht ablesen – an Wartezeiten schon. Wir warten auf ein Amt, immer noch. KI verspricht derweil immer mehr Tempo und eine glorreiche Zukunft. Und irgendwo dazwischen stehen wir mit scharrenden Hufen und hochgezogenen Augenbrauen.

Während unsere Vereinsgründung weiterhin im Verwaltungsnirwana kreist, ziehen KI-Systeme virtuell Frauen und Minderjährige aus, verlieren Passwörter, scheitern an echter Arbeit und werden trotzdem weiter als Erlösungsmaschinen gehandelt. Fortschritt im Pitchdeck, Stillstand im Denken. Und Verantwortung wird weiterhin großzügig an das System delegiert. Oder an die User*innen, wie es gerade beliebt.

Wir schauen auf Grok und sehen, was passiert, wenn Macht auf Technik trifft und eine menschliche Haltung als „woke“ abgekanzelt wird. Wir hören den Kassandraruf der Wissenschaft und merken, dass das eigentliche Risiko nicht die Skepsis ist, sondern ihr Mangel. Wir prüfen die große Job-Apokalypse und landen bei 2,5 Prozent. Das ist nicht disruptiv, sondern ziemlich ernüchternd. Gleichzeitig regt sich Widerstand an unerwarteten Stellen: Ein Konzern spricht plötzlich über Akkulaufzeit statt von KI-Bling-Bling. Frauen sagen Nein zu Tools, weil sie Fragen stellen, wo andere einfach losprompten. Und dann ist da noch eine ganz besondere Störenfrieda, die uns weiter bringt als ein stochastischer Papagei.

Der rote Faden dieser Ausgabe:

  • Es geht nicht darum, was KI kann, sondern wer Verantwortung übernimmt.
  • Nicht darum, wie schnell Systeme werden, sondern wie langsam Haltung wächst.
  • Und nicht darum, ob wir mithalten, sondern ob wir diesen Kurs überhaupt mitgehen wollen.

Zeige deine Haltung nach außen mit dem Siegel für Menschliche Intelligenz. Demnächst wieder unter www.mi-siegel.de.


IN EIGENER SACHE

Die Eintragung des Vereins läuft. Nee, sie schleicht.

Wir sitzen da und warten aufs Amt. Die Eintragung als Verein ist beantragt, die Unterlagen liegen dort vermutlich irgendwo zwischen Kaffeetasse und Aktenstapel, und seitdem passiert: nichts, null, nada, niente. Absolute Stille. Außer unserem nervösen Fingergetippel.

Also starren wir aufs Telefon, kontrollieren den Briefkasten mehrfach täglich und versuchen, nicht darüber nachzudenken, wie viele Vereinsgründungen man in der Zeit mit digitalen Prozessen erledigen könnte … Aber 2026 ist das eben in manchen Bereichen der Verwaltung weiterhin Neuland. Tja.

Sobald sich das Amt erbarmt, melden wir uns. Bis dahin üben wir, geduldig zu sein mit dem Schneckentempo des Amts. Ommm.

Wenn du dich fürs MI-Siegel interessierst, dann schau doch mal vorbei: www.mi-siegel.de.


LESETIPP

Ein Rufer, hoffentlich nicht in der Wüste

Grok mit seiner misogynen „Zieh sie aus!“-Funktion war nur einer der letzten Aufreger in einer nicht enden wollenden Kette an Scheußlichkeiten und Unfassbarkeiten im Zusammenhang mit KI-Tools. Merke: Kann Technik gebraucht werden, wird sie auch missbraucht. Diese Grundregel gilt nicht erst, seit KI-Tools in unseren Alltag getreten sind.

xAI rudert nun zurück (siehe https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/grok-musk-chatbot-100.html), selbstredend nicht ohne Druck: Erst gab’s mal wieder den sattsam bekannten Pontius Pilatus: Wir sind nicht schuld, die User*innen sind es. Dann Rumgeeiere der eher abstoßenden Art: Zahlende User – Gendern sparen wir uns bewusst an dieser Stelle – dürfen weiterhin Frauen virtuell ausziehen. Gaaanz toll. Mittlerweile funktioniert diese übergriffige Auszieherei überhaupt nicht mehr, laut Grok. Elon und Konsorten mit ihrem kettensägenden Manosphere-Mindset haben selbstredend keinerlei Gedanken daran verschwendet, welche Gewalt mit ihrer Super-Bild-KI vielen Frauen und Mädchen angetan wurde. Und so hat sich erst etwas bewegt, als Grok in etlichen Staaten, auch in der EU, gesperrt wurde. Merke: Öffentlicher Druck zahlt sich aus! Eigentlich sind wir Newsletter-Macher*innen ja positive Menschen. Aber unser „Positiv“ heißt nicht, der gloriosen Zukunft und den hohlen Versprechungen zu glauben, die uns Big Tech regelmäßig wie eine Karotte vor die Nase hält. Wer sich mit KI kritisch auseinandersetzt, landet immer wieder bei den Kassandras der Branche. Gut, wenn die wissenschaftlich fundiert rufen. Wie zum Beispiel Gary Marcus, Emeritus für Psychologie und Neurowissenschaften an der New York University, Firmengründer im Bereich KI und Autor.

How Generative AI is destroying society lautet einer seiner letzten Posts auf seinem Substack. Er macht darin aufmerksam auf ein Preprint-Paper zweier Rechtswissenschaftler*innen vom 5.12.2025, das 2026 im UC Law Journal erscheinen soll. „This is one of the most lucid and powerful articles I have read in years.“, so sein Urteil. Und: „I urge you to read – and reflect – on it, ASAP.“ Eindringliche Worte! Das Abstract des Papers lest ihr direkt in Marcus’ Substack-Post, darin gibt es auch einen Link zur 40-seitigen Preprint-Version:

https://garymarcus.substack.com/p/how-generative-ai-is-destroying-society


KI-TIPP

Mach aus einem LLM eine Störenfrieda!

Nutze KI nicht als Abkürzung, sondern als Widerstand. Klingt schräg? Versuch es trotzdem mal. Bitte die KI mal nicht darum, deine Idee zu bestätigen, sondern sie zu zerlegen. Lass dir Gegenargumente formulieren und Risiken benennen. So nimmt ein LLM Perspektiven ein, die dir bisher nicht in den Kopf kamen. Genau dieser Effekt ist gewünscht!

Diese Art der Mensch-Maschine-Kommunikation fühlt sich im ersten Moment unnötig an – vielleicht nervt sie dich sogar. Aber genau dort beginnt der Mehrwert. Denn ein LLM, das widerspricht, schärft dein eigenes Urteil stärker als eines, das nur glatt formuliert und freundlich nickt.

So schaffst du dir deine eigene Störenfrieda:

  • Bitte die KI, deine These zu kritisieren, nicht zu verbessern.
  • Lass sie die stärksten Gegenargumente formulieren, auch wenn du sie selbst für unfair hältst.
  • Fordere sie auf, aus der Perspektive von Betroffenen, Kritiker*innen oder Skeptiker*innen zu argumentieren.
  • Bitte sie, Annahmen offenzulegen, statt sie stillschweigend zu akzeptieren.
  • Lass sie Schwachstellen benennen, bevor du nach Lösungen fragst.

Merksatz: Wer KI nur zur Bestätigung nutzt, denkt weniger. Wer sie zum Widerspruch einlädt, denkt intensiver nach.


WISSENSCHAFT

KI übernimmt alles. Wirklich?

Die Gerüchteküche brodelt: KI frisst Jobs und die Remote-Worker gleich mit. Wir Freelancer stehen angeblich schon etikettiert im Technikmuseum, Abteilung Frühdigitalismus. Und dann kommt diese Studie daher und zieht dem ganzen Spektakel die Hose runter.

Der Remote Labor Index macht etwas Unzeitgemäßes: Er schaut auf echte Arbeit. Also  komplette Projekte mit Deadlines, Dateien und der Erwartung, dass am Ende etwas Brauchbares herauskommt. Genau das Zeug, an dem die generativen Hochglanz-Tools regelmäßig scheitern. Und siehe da: In akzeptabler Qualität (also vollständig autonom, ohne menschliche Nachhilfe und ohne rettende Hand am Ende) schaffen die besten KI-Agenten nur 2,5 Prozent der gestellten Aufgaben. Zwei Komma fünf. Nicht fünfundzwanzig. Nicht „fast menschlich“, sondern eher: „Kann man vielleicht noch retten, wenn ein Mensch drüberschaut.“

Getestet wurde mit Aufgaben, bei denen alles zusammenkommen muss, was wir Freelancer aus dem Effeff kennen: Kontext,  Struktur und natürlich Verantwortung. Doch da wirkt die KI wie ein extrem motivierter Praktikant mit null Überblick, aber sehr viel Selbstbewusstsein.

Warum das niemand hören will

Weil sich mit „KI ersetzt Menschen“ besser investieren lässt. Weil apokalyptische Erzählungen zur Zeit passen. Und weil „Tool zur Unterstützung“ keine Keynote füllt. Die Studie ist deshalb so unangenehm, weil sie zeigt, dass unsere Arbeit mehr ist als energieintensive Mustererkennung.

Remote-Arbeit bedeutet Entscheidungen abwägen, sie dann treffen und kommunizieren. Wir Menschen übernehmen Verantwortung und bringen Dinge zu Ende. Genau das, was in keinem Benchmark sauber messbar ist – und deshalb in der KI-Debatte gerne so behandelt wird, als existiere es einfach nicht.

Keine Entwarnung. Aber Entzauberung.

Das heißt nicht, dass alles bleibt, wie es ist. KI verändert Arbeit. Sie frisst sie nur nicht so elegant und endgültig, wie es manche PowerPoint-Folien versprechen. Sie übernimmt Teilaufgaben, beschleunigt Prozesse und verschiebt auch Rollen. Aber sie ersetzt nicht das, was unsere Arbeit eigentlich ausmacht.

Die eigentliche Gefahr liegt darin, dass wir weiterhin an den Hype glauben. Dass Unternehmen Verantwortung an Systeme delegieren, die sie selbst nicht verstehen – und sich dann wundern, warum niemand mehr Verantwortung übernimmt. Dass Effizienz über Qualität gestellt wird. Dann wird nicht die KI zum Problem, sondern unser Umgang mit ihr.

Diese Studie ist ein spannender Realitätsfilter und ein ganz klarer Hinweis darauf, dass menschliche Intelligenz mehr ist als ein Feature-Set. Dass Arbeit sich nicht im Prompten erschöpft. Und dass Fortschritt ohne Haltung einfach nur viel schneller Unsinn produziert.

Es bleibt eine wichtige Frage: Wenn KI nicht unsere Jobs übernimmt, sondern unsere Arbeit umbaut – wer entscheidet dann eigentlich, wie wir künftig arbeiten wollen? Zu diesem wichtigen Punkt werden wir vom MI-Siegel in diesem Jahr noch öfter Stellung beziehen.

Zur Studie: https://www.remotelabor.ai/


NEWS

Dell macht’s ohne KI-Marketing-Blabla und es funktioniert trotzdem?!

Auf der CES 2026 hat Dell etwas gewagt, das in Marketingkreisen gerade als existenzgefährdend gilt: Sie haben einfach mal nicht über KI gesprochen. Keine „AI-powered innovation“, kein „smart future ecosystem“, nicht mal ein müdes „intelligent cooling“. Stattdessen? Ging es um Akkulaufzeit, Gehäusedesign und natürlich Performance. Also … Technik. Vielleicht ist genau das der neue Mut: einfach solide Produkte bauen, ohne sie mit künstlicher Intelligenz zu labeln. Dell hat damit mehr Haltung gezeigt als so mancher KI-CEO mit moralischem Kompass aus Wackelpudding. Dabei baut Dell natürlich weiterhin KI-Hardware (NPUs) in seine Rechner. Ist das der Anfang vom Ende der KI-Inflation?https://www.notebookcheck.com/Die-KI-Blase-beginnt-zu-broeckeln-Dell-verzichtet-zur-CES-auf-KI-im-Marketing.1199025.0.html

KI? Nein danke. Sagen vor allem Frauen.

Eine neue Studie zeigt: Frauen nutzen generative KI deutlich seltener als Männer. Nicht etwa, weil sie die Technik nicht verstehen würden, sondern weil sie moralische Bedenken haben in Sachen Privatsphäre, mentale Gesundheit, Arbeitsmarktfolgen oder auch bei den ökologischen Kosten. Eben der ganze Abgrund, den viele beim Prompten gern mal ausblenden. Männer hingegen greifen munter zur KI, ob im Job, beim Lernen oder – Überraschung – zur Contentproduktion. Ethik wird offenbar als optionales Feature wahrgenommen. Die Erkenntnis dahinter ist unbequem: Der Zugang zu Technologie ist nicht nur eine Frage der Kompetenz, sondern auch eine der Haltung. Und die ist, so scheint’s, bei Frauen oft kritischer kalibriert. Doch wie verändern sich Machtverhältnisse, wenn sich bestimmte Gruppen bewusst nicht in die KI-Welt einloggen? https://www.unite.ai/research-finds-women-use-generative-ai-less-due-to-moral-concerns/

Ups, der Bot hätte das Passwort fast mit hochgeladen

KI-Agenten schreiben Code und optimieren Pipelines. Das Problem dabei ist aber: Sie verstehen das Konzept „Sicherheit“ nicht, sondern umgehen es. Sobald KI Code anfasst, geraten klassische Sicherheitsmodelle ins Rutschen. unite.ai nennt das „The Secretless Imperative“. Denn für Agenten zählt, dass es funktioniert. Test grün, Aufgabe erledigt. Ob dabei sensible Zugangsdaten offengelegt werden könnten, liegt außerhalb ihres Horizonts. Genau deshalb fordert der Artikel ein Umdenken: Keine dauerhaften Secrets für Maschinen, sondern kurzlebige Identitäten und minimale Rechte. Doch was bringt autonome KI, wenn sie in Systemen arbeitet, deren Sicherheitslogik sie strukturell nicht begreift?https://www.unite.ai/the-secretless-imperative-why-traditional-security-models-break-when-ai-agents-touch-code/

McKinsey ruft zur Beruhigung auf

McKinsey sieht keinen KI-Job-GAU, sondern eine massive Verschiebung. Tätigkeiten zerbröseln, Rollen verändern sich, Arbeit wird neu zusammengesetzt. Doch das ganze fühlt sich an wie ein IKEA-Regal, das ohne Anleitung aufgebaut werden soll. Panik hilft da wenig, sagt die Beratung. Lernen, verstehen, umlernen und noch mal verstehen schon eher. Denn dieses viel beschworene hybride Mensch-Maschine-Team ist keine harmonische Bürogemeinschaft, sondern ein anspruchsvolles Konstrukt. Effizient, ja. Aber auch gnadenlos gegenüber allen, die nicht schnell genug mithalten. Die eigentlichen Fragen bleiben trotzdem hängen wie ein Kaugummi unter dem Tisch: Wer gestaltet diesen Umbau? Und wer zahlt den Preis, wenn Qualifizierung zur hohlen Floskel wird? Mehr Infos zur Studie: https://www.business-punk.com/tech/mckinsey-warnt-vor-panik-ki-veraendert-jobs-ersetzt-sie-aber-nicht/

Copilot ohne Piloten und Crew

Copilot sollte der allgegenwärtige Beifahrer im digitalen Büro werden. Immer da, immer hilfreich und natürlich immer klüger als wir selbst. Die Realität sieht nüchterner aus, denn nur wenige Menschen nutzen dieses KI-Tool, dem wir in Microsoft-Umgebungen eigentlich gar nicht mehr ausweichen können. Also zieht MS die Notbremse und schraubt die Ziele zurück. Und plötzlich wird KI vom Heilsversprechen zum Produkt mit Akzeptanzproblem. Die Erkenntnis daraus ist banal und zugleich brisant: Nur weil etwas technisch möglich ist, heißt das noch lange nicht, dass Menschen es brauchen. Oder es verstehen. Oder ihm vertrauen. Vielleicht zeigt sich hier aber auch etwas Grundsätzliches: Nicht jeder Mensch sucht einen Copiloten. https://www.extremetech.com/computing/microsoft-scales-back-ai-goals-because-almost-nobody-is-using-copilot


Herzliche Grüße vom MI-Newsletter-Team Susanne Nötscher, Steffen Walter, Andreas Pfeifer und mir, Christa

MI Menschliche Intelligenz Verein (Eintragung beantragt), Wehlerthof 1, 65468 Trebur