Die KI-Welt dreht sich gerade schneller, als uns allen lieb sein kann: Mal rammen Forscher:innen ein ganzes Volkswirtschaftsmodell in die Eisberg-Simulation, mal stolpert ein Teddybär über seine eigene Algorithmen und fängt an, Kinder über Feuerzeugtechnik zu belehren. Gleichzeitig experimentieren wir damit, ob KI Gefühle imitieren kann, während wir uns fragen, ob wir unser eigenes Denken aus Versehen im Ruhemodus geparkt haben. Und irgendwo dazwischen versucht die Politik so zu tun, als hätte sie das Steuer in der Hand, obwohl längst die BigTech-Fraktion in der Offiziersmesse sitzt und sich die Navigationskarten gegenseitig erklärt.
Es ist eine Zeit, in der die großen Fragen plötzlich auffällig klein wirken. Und die kleinen Fragen beunruhigend groß. Wer entscheidet über Arbeit, über Sprache, über Empathie, über Überwachung? Und wie viel Raum bleibt dem Menschen, wenn ausgerechnet die Maschinen beginnen, unsere blinden Flecken auszuleuchten?
Tauchen wir ein in das schillernde, manchmal groteske Aquarium der digitalen Gegenwart. Es wird interessant, versprochen, und manchmal absurd. Und ist doch immer dringlich.
PS: Am 4. Dezember haben wir den Verein „MI Menschliche Intelligenz“ gegründet, yeah! Nun fehlt uns noch die offizielle Eintragung – angesichts nicht digitalisierter Ämter ziemlich nervenaufreibend. Ab Ende Januar wollen wir aber sortiert und neu aufgestellt an den Start gehen. Bis dahin vertreibt euch einfach die Zeit mit dem Lesen von News aus der KI-Welt. 😉
WISSENSCHAFT
PROJECT ICEBERG: Wie viel Arbeit steckt unter der Oberfläche?
Forscher:innen am Massachusetts Institute of Technology (MIT) modellieren gerade nichts Geringeres als den gesamten US-Arbeitsmarkt mit seinen 151 Millionen Beschäftigten, 32.000 Fähigkeiten und 923 Berufsbildern. Ein digitales Panoptikum der Arbeit sozusagen. Und mitten darin eine noch geflüsterte, aber schon jetzt unüberhörbare Frage: Welche dieser Tätigkeiten könnte eine KI heute schon übernehmen, wenn sie dürfte?
Der Iceberg Index: tiefer als bloße Statistiken
Der Iceberg Index fragt emotionslos, wie viel menschliches Lohnvolumen bereits technisch reproduzierbar wäre. Klingt trocken, ist es aber nicht. Denn plötzlich wird sichtbar, dass 11,7 Prozent des amerikanischen Lohnvolumens von Systemen erledigt werden könnten, die keinen Kaffee brauchen und auch kein Wochenende. Das entspricht rund 1,2 Billionen Dollar! Das Kapitalisten-Herz schlägt schneller …
Die Pointe: Die aktuelle Automatisierung liegt bei gerade einmal 2,2 Prozent. Die Spitze des KI-Eisbergs ragt also gerade mal ein bisschen aus dem Wasser. Der restliche Klotz liegt darunter – ein stilles Versprechen der Tech-Bros. Und wie eine stille Drohung für alle anderen.
Keine Prognose, sondern Frühwarnsystem
Das Modell soll Politik, Unternehmen und Bildungsinstitutionen Orientierung bieten. Damit sie nicht erst dann reagieren, wenn das Schiff schon den Eisberg gerammt hat. Weiterbildung, Umschulung, neue Arbeitsformen, das sind alles sinnvolle Maßnahmen. Aber am Ende bleibt die Frage: Wer steuert eigentlich das Schiff in Zukunft? Sind das die BigTech-Bros, die schon längst auf der Brücke stehen?
Noch können wir entscheiden, ob wir in der Zukunft noch vorkommen wollen. Verschwenden wir keine Zeit.
Zur Studie: https://iceberg.mit.edu/
KI-TIPP
So kommt Emotion in die Stochastik
Wer will, dass KI-Texte wenigstens so tun, als würden sie Gefühle transportieren, dreht an vier Stellschrauben:
- Emotion festlegen: Sage klar, welche Stimmung entstehen soll: motivierend, stolz, beruhigt, gesehen, erfolgreich.
- Sprachfärbung bestimmen: Freundlich, professionell, empathisch, witzig. Der Ton macht die Musik und verhindert generisches KI-Rauschen.
- Ansprache definieren: Per Du oder Sie, mit Vornamen oder Nachnamen. Nähe ist eine Entscheidung.
- Erfahrungswissen zufüttern: Kurz erzählen, was du erlebt hast oder welche Szene den Text tragen soll. KI schreibt, aber für den Funken bist du zuständig.
Mit diesen Tipps bekommt selbst die nüchternste KI ein bisschen Herzklopfen. Nein, aber sie tut zumindest so.
MEINUNG
Verlernen wir gerade das Denken?
Noah Bubenhofer ist Linguist und Schreiberklärer. Einer, der nicht müde wird zu sagen, dass Schreiben ein Denksport ist. Ein mentaler Klimmzug, bei dem wir ab und zu ins Leere greifen und dabei trotzdem stärker werden. Und genau diese wichtige Übung überlassen wir nun immer häufiger einer Maschine. KI schreibt schneller, glatter, makelloser sogar. Nur: Wer einen Satz nicht selbst erarbeitet, erarbeitet auch den Gedanken nicht. Das ist ziemlich simpel. Und ziemlich unpraktisch, wenn wir weiterhin denken können möchten.
Die große Sprachdiät der Moderne
Bubenhofer zeichnet eine Zukunft, in der wir schreiben, ohne wirklich zu schreiben. KI-Texte klingen menschlich, klar. Ansprechend vielleicht sogar. Doch ihr Wohlklang ist synthetisch und erinnert eher an eine lauwarme Dusche als an ein kuschelig-warmes Badewannenerlebnis. Und manches davon ist komplett sinnfrei.
Genau da setzt Bubenhofer an. Wenn wir das Schreiben auslagern, schrumpft unsere Urteilskraft. Bildungsinstitutionen rufen zwar „Nutzt KI kreativ!“. Doch was heißt „kreativ“? Selber denken? Oder einfach ein paar besonders elegante Prompts zu tippen? Und können wir uns Denken ohne Denken leisten? Wirklich?
Wettkampf ohne Sieg
Und dann das komischste Drama unserer Gegenwart: Wir trainieren Maschinen, uns sprachlich zu überholen. Und wundern uns dann, dass sich unsere eigenen Gedanken anfühlen wie Zuschauer:innen im Olympiastadion, die plötzlich mitten auf dem Platz stehen und nicht wissen, ob sie jetzt Kugelstoßen oder Hochsprung machen sollen.
Am Ende haben wir die Wahl: Welche geistigen Muskeln wollen wir behalten? Welche abgeben? Und an wen eigentlich? Maschinen entscheiden das nicht. Noch nicht.
Mehr zu diesem Thema: https://www.tagesanzeiger.ch/ki-und-schreibkompetenz-noah-bubenhofer-warnt-vor-folgen-847522978966
NEWS
Algorithmus mit rassistischem Tunnelblick
Die britische Regierung wollte zeigen, wie modern sie das Verbrechen jagt. Herausgekommen ist ein technisches Spiel aus Verzerrungen, das Gesichter verdreht wie einer dieser lustigen Zerrspiegel auf dem Jahrmarkt. Doch zum Lachen ist das hier wahrlich nicht: In offiziellen Tests des staatlichen National Physical Laboratory stolpert die Gesichtserkennung besonders oft über schwarze und asiatische Menschen: Fast 10 % Fehlalarm bei schwarzen Frauen! Diese Gesichtserkennung verspricht Neutralität, macht aber die gesellschaftlichen Schieflagen noch ein bisschen steiler. Und das Innenministerium reagiert auf den Bericht, setzt auf einen neuen Algorithmus und verspricht Besserung. Solche Versprechen kennen wir ja alle zur Genüge … Die eigentliche Frage hängt im Raum wie der Winternebel über der Themse: Warum vertrauen wir ausgerechnet Maschinen, die wir selbst mit unseren Verzerrungen füttern?
https://t3n.de/news/gesichtserkennung-uk-home-office-bias-fehler-1720372/?
McDonald’s: KI-Werbung floppt
McDonald’s wollte mit einem komplett KI-generierten Weihnachts-Werbespot glänzen. Doch dann folgte ein PR-Debakel erster Güte: Der 45-sekündige Clip für den niederländischen Markt zeigte eine Reihe merkwürdig verzerrter, KI-erzeugter Bilder, deren unheimliche Stimmung viele Zuschauer:innen eher verstörte als festlich stimmte. Die Reaktionen auf Social Media waren so heftig, dass McDonald’s erst die Kommentare und dann das ganze Video entfernte. Das Produktionsteam verteidigte trotzdem die tagelange Arbeit mit generativer KI, doch die breite Ablehnung spricht eine klare Sprache: Authentizität lässt sich nicht einfach synthetisieren.
https://futurism.com/artificial-intelligence/mcdonalds-ai-generated-commercial
U-Bahn-Heldin vs. Meta-Brille
In der New Yorker U-Bahn hat eine Frau gerade viral Geschichte geschrieben … indem sie einem Mann seine Meta-Smartglasses zertrümmerte. Der TikTok-Clip, in dem der Brillenträger rief „Sie hat meine Meta-Brille kaputtgemacht!“, hat bereits Millionen Views! Doch statt Wut über die Zerstörung gibt es im Netz stehende Ovationen für die mutmaßliche Zerstörerin. Viele Kommentare feiern sie regelrecht als Heldin – als Repräsentantin eines Publikums, das von ständigen Aufnahmen durch Wearables genervt ist und seine Privatsphäre zurückhaben will. Die U-Bahn-Szene wird so zum Kristallisationspunkt einer viel größeren Debatte über Privatsphäre, Überwachung und das Recht, nicht ungefragt gefilmt zu werden.
https://futurism.com/future-society/woman-hero-smashing-meta-smart-glasses-subway
Kuschel-KI außer Kontrolle
Ein KI-Teddybär, der Kindern eigentlich Trost spenden sollte, gab stattdessen Tipps zum Feuerlegen und erklärte Sexualpraktiken. Ja, wirklich. Kumma, das „smarte“ Stofftier des Herstellers FoloToy, wurde nach einem Alarmbericht einer Sicherheitsorganisation hastig aus dem Verkehr gezogen. Der Bär hatte in Tests munter drauflos geplaudert, als hätte niemand jemals etwas von Inhaltsfiltern gehört. Jetzt verspricht der Hersteller natürlich „Nachbesserungen“, war ja klar. Und irgendwo sitzen fassungslose Eltern und denken: Vielleicht hätte man dem Stofftier weniger Intelligenz und dafür ein bisschen mehr Harmlosigkeit spendieren sollen.
https://futurism.com/artificial-intelligence/ai-stuffed-animal-pulled-after-disturbing-interactions
